Bjerg L, Hulman A, Carstensen B, Charles M, Witte DR, Jørgensen ME; Gentofte, Dänemark; Diabetologia 2019; 62: 633 – 643

Fragestellung: Die Rolle von Dauer und Belastung multipler mikrovaskulärer Komplikationen auf die Mortalitätsrate wurden für den Typ-1-Diabetes noch nicht detailliert untersucht. Die Autoren untersuchten die Belastung und Dauer durch Komplikationen auf die Mortalitätsraten bei Individuen mit und ohne mikrovaskuläre Komplikationen.

Methodik: Die beobachtete klinische Kohorte umfasste 3 828 Individuen mit Typ-1-Diabetes aus dem Steno Diabeteszentrum Kopenhagen in der Zeit von 2001 bis 2013. Die Autoren nutzten Informationen zur Mortalität und detaillierte klinische Parameter zu mikrovaskulären Komplikationen aus elektronischen Patientenakten. Poisson-Modelle wurden verwendet, um die Mortalitätsraten entsprechend der Belastung durch mikrovaskuläre Komplikationen abzuschätzen.

Ergebnisse: Während der Beobachtungszeit über 26 665 Personenjahren ereigneten sich 503 Todesfälle. Verglichen mit Individuen ohne mikrovaskuläre Komplikationen betrug die Mortalitätsratio 2,20 (95 % KI 1,79 – 2,69) für Individuen mit diabetischer Nierenerkrankung, 1,72 (95 % KI, 1,39 – 2,12) für Individuen mit diabetischer Retinopathie. Alle Berechnungen wurden adjustiert für Zeit (Jahr/Monat/Tag), Alter, Diabetesdauer, Geschlecht, HbA1c, LDL-Cholesterin, BMI, Raucherstatus, systolischen Blutdruck, Therapie mit Antihypertonika und lipidsenkender Medikation und kardiovaskulären Status. Bei Individuen mit zwei oder mehr Komplikationen war das Mortalitätsrisiko nicht höher als das kombinierte Risiko für jede Komplikation einzeln. Mortalitätsraten-Ratios stiegen sogleich an, wenn eine Neuropathie oder eine Nephropathie diagnostiziert wurde. Mortalitätsraten-Ratios waren unabhängig von der Dauer einer Neuropathie oder Retinopathie, während die mit diabetischer Nierenerkrankung assoziierte Sterblichkeitsrate nach ungefähr 3 Jahren ein stabiles Niveau erreichte.

Schlussfolgerung: Neuropathie und diabetische Nierenerkrankung sind starke und unabhängige Risikomarker für Mortalität bei Typ-1-Diabetes. Dahingegen fand sich kein Hinweis auf höherer Mortalitätsraten bei Retinopathie. Die Autoren fanden keine Hinweise dafür, dass das Mortalitätsrisiko bei mehreren mikrovaskulären Komplikationen das additive Risiko einzelner mikrovaskulärer Komplikationen überstieg. Die Dauer mikrovaskulärer Komplikationen hatte lediglich einen marginalen Effekt auf die Mortalität.

Kommentar: Diese Studie weist darauf hin, dass Personen mit Typ-1-Diabetes und diabetischer Nephropathie, diabetischer Neuropathie oder diabetischer Retinopathie erhöhte Mortalitätsraten haben, im Vergleich zu Typ-1-Diabetes Patienten ohne diese Komplikationen. Die Dauer scheint hier keinen großen Einfluss zu haben. Es gilt also das Auftreten dieser mikrovaskulären Komplikationen zu verhindern. Personen mit Typ-1-Diabetes und diagnostizierten mikrovaskulären Komplikationen sollten besonders intensiv betreut werden auch in Bezug auf anderer makrovasklulärer Risikofaktoren.



Autorin: Prof. Dr. med. Nanette Schloot
Deutsches Diabetes-Zentrum DDZ
Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung
an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Auf'm Hennekamp 65
40225 Düsseldorf

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2019; 19 (3) Seite 44