Wernroth ML, Fall K, Svennblad B, Ludvigsson JF, Sjölander A, Almqvist C, Fall T. Uppsala, Schweden; Diabetes Care 2020: 43: 991 – 999

Fragestellung: Die Auswirkung einer frühzeitigen Antibiotikabehandlung auf das Risiko für Typ-1-Diabetes wird diskutiert. Diese Frage wurde in dieser Studie unter Verwendung eines registerbasiertem Designs, einschließlich einer umfassenden geschwisterkontrollierten Analyse, bei Kindern bis zu 10 Jahren analysiert.

Methodik: Alle zwischen dem 1. Juli 2005 und dem 30. September 2013 in Schweden geborenen Kinder (n = 797 318, keine Mehrlingsgeburten) wurden eingeschlossen und bis zum 31. Dezember 2014 nachverfolgt. Für elterliche und perinatale Merkmale adjustierte Cox-Proportional-Hazard-Modelle wurden angewendet und geschichtete Modelle wurden genutzt, um nicht gemessene Störfaktoren, die von Geschwistern geteilt wurden, zu berücksichtigen.

Ergebnisse: Während der Nachverfolgung trat bei 1 297 Kindern ein Typ-1-Diabetes auf (Median 4,0 Jahre [Bereich 0 – 8,3]). Verschriebene Antibiotika im 1. Lebensjahr (23,8 %) waren mit einem erhöhten Risiko für Typ-1-Diabetes verbunden (adjustierte Hazard Ratio [HR] 1,19 [95 % CI 1,05 – 1,36]), wobei sich bei Kindern mit Sectio größere Effektschätzungen ergaben (p für Wechselwirkung = 0,016). Die Assoziation wurde vor allen durch die Exposition gegenüber Antibiotika bedingt, die hauptsächlich bei akuten Mittelohrentzündungen und Infektionen der Atemwege eingesetzt werden. Darüber hinaus fanden wir einen Zusammenhang zwischen Antibiotika-Verschreibungen in der Schwangerschaft (22,5 %) und Typ-1-Diabetes (adjustierte HR 1,15 [95 % CI 1,00 – 1,32]). Im Allgemeinen stützte die Geschwisteranalyse diese Ergebnisse, wenn auch häufig mit statistisch nicht signifikanten Assoziationen.

Schlussfolgerung: Die Verschreibung von Antibiotika im 1. Lebensjahr, hauptsächlich für akute Mittelohrentzündung und Infektionen der Atemwege, ist mit einem erhöhten Risiko für Typ-1-Diabetes vor dem 10. Lebensjahr verbunden, insbesondere bei Kindern mit Sectio.

Kommentar: Zu der Frage des Einflusses von früher Antibiotikagabe auf die Entstehung des Typ-1-Diabetes gibt es bisher widersprüchliche Publikationen. Eine mögliche Erklärung für den hier gefundenen Zusammenhang zwischen Antibiotikagabe und dem Risiko für Typ-1-Diabetes ist die antibiotikabedingte Modifikation des Darmmikrobioms. Da Kinder, die per Sectio entbunden werden, im Vergleich zu vaginal entbundenen Kindern eine gestörte Entwicklung ihres Mikrobiom-Profils aufweisen, könnte die Wirkung von Antibiotika bei diesen Kindern stärker sein. Allerdings ist das in dieser Studie durch Antibiotika bedingte absolute Risiko relativ gering, sodass es allenfalls marginal zur Entstehung des Typ-1-Diabetes beiträgt.



Autor: PD Dr. med. Michael Hummel
Forschergruppe Diabetes am Helmholtz Zentrum München
Ingolstädter Landstr. 1
85764 Neuherberg
und
Krankenhaus München-Schwabing
Kölner Platz 1
80804 München

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2020; 20 (3) Seite 41