Gilsanz P, Karter AJ, Schnaider Beeri M, Quesenberry CP, Whitmer RA; Oakland CA, USA; Diabetes Care 2018; 41: 446 – 452

Einführung: Schwere Hyperglykämien und Hypoglykämien (schwere Dysglykämien) stellen ernstzunehmende Komplikationen bei Typ-1-Diabetes (T1D) dar. Während die Assoziation zwischen einer Depression und schweren Dysglykämien bei Typ-2-Diabetes als belegt gilt, gibt es bisher keine entsprechenden Untersuchungen zu Patienten mit Typ-1-Diabetes. Die Autoren untersuchten hier die bidirektionale Beziehung zwischen Depression und schweren Dysglykämien in einer Gruppe älterer Patienten mit Typ-1-Diabetes.

Methodik: Über die Studienperiode (1996 – 2015) wurden Daten von 3 742 Patienten mit Typ-1-Diabetes zu Depression und schweren Dysglykämien, die eine Notaufnahme oder stationäre Aufnahme erforderten, aus den jeweiligen Klinikunterlagen entnommen. Mithilfe von proportionalen Hazard Modellen (Cox-Regression) wurden die Assoziationen zwischen Depression und schweren Dysglykämien zweiseitig eingeschätzt. Dabei fand eine Adjustierung hinsichtlich demografischer Daten, mikro- und makrovaskulärer Komplikationen und des HbA1c statt.

Ergebnisse: Während der Studienperiode wurde bei 41 % der erfassten Patienten eine Depression diagnostiziert und bei 376 (11 %) bzw. 641 (20 %) kam es zu einer schweren Hyperglykämie oder Hypoglykämie. Das Vorliegen einer Depression war eng mit einen 2,5-fach erhöhten Risiko für schwere Hyperglykämien verbunden (Hazard Ratio [HR] 2,47 [95 % CI 2,00 bis 3,05]). Außerdem war die Depression mit einem um 89 % erhöhten Risiko für schwere Hypoglykämien assoziiert (HR 1,89 [95 % CI 1,61 bis 2,22]). Die Verbindung war innerhalb der ersten sechs Monate nach der Depressionsdiagnose am stärksten (HR Hyperglykämie 7,14 [95 % CI 5,29 bis 9,63]; HR Hypoglykämie 5,58 [95 % CI 4,46 bis 6,99]). Im ersten Jahr nach der Depressionsdiagnose waren die Assoziationen weiterhin stark ausgeprägt (HR Hyperglykämie 5,16 [95 % CI 3,88 bis 6,88]; HR Hypoglykämie 4,05 [95 % CI 3,26 bis 5,04]). In Modellen, bei denen schwere Dysglykämien als „Ereignis“ definiert wurden, waren Hyperglykämien mit einem um 143 % erhöhten Risiko für eine Depression assoziiert (HR 2,43 [95 % CI 2,03 bis 2,91]), bei Hypoglykämien war das Risiko um 74 % erhöht (HR 1,75 [95 % CI 1,49 bis 2,05]).

Schlussfolgerung: Unter Patienten mit Typ-1-Diabetes sind eine Depression und schwere Dysglykämien bidirektional miteinander verbunden. Eine Depression erhöht das Risiko für schwere hypoglykämische und hyperglykämische Ereignisse, insbesondere in den ersten sechs Monaten bis zu einem Jahr nach Diagnose, erheblich. Andererseits steigt das Depressionsrisiko nach einer schweren Dysglykämie.

Kommentar: Vor dem Hintergrund der zunehmend anspruchsvollen Therapie des Typ-1-Diabetes überrascht es nicht, dass Patienten mit einer komorbiden Depression besonders häufig akute Komplikationen erleben. Diesen Patienten fehlen die emotionale Stabilität und kognitive Leistungsfähigkeit, um den Anforderungen der täglichen Behandlung gerecht zu werden. Überraschend ist die relativ hohe Rate von Patienten mit Typ-1-Diabetes und Depression – dies mag der US-amerikanischen Versorgungsrealität entsprechen. Jedoch wäre es auch für die deutsche Population von Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes relevant, einzuschätzen, in wie weit akute Komplikationen mit psychischer Komorbidität in Verbindung stehen. Hier wäre zu klären, ob und welche Formen der Insulintherapie noch bewältigt werden können, ohne dass es zu stationären Aufnahmen wegen akuter Komplikationen kommt.



Autorin: Prof. Dr. rer. nat. Karin Lange
Diplom-Psychologin, Fachpsychologin Diabetes DDG
Medizinische Hochschule Hannover (MHH)
Carl-Neuberg-Str. 1
30625 Hannover

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2018; 18 (2) Seite 55