Charleer S, De Block C, Van Huffel L, Broos B, Fieuws S, Nobels F, ­Mathieu C, Gillard P. Leuven, Belgien; Diabetes Care 2020; 43: 389 – 397

Fragestellung: Im Jahr 2016 wurde in Belgien eine landesweite Kostenerstattung für die intermittierende kontinuierliche Blutglukosemessung (isCGM) für Menschen mit Typ-1-Diabetes, die in spezialisierten Diabeteszentren behandelt werden, eingeführt. Die Autoren führten eine 12-monatige prospektive, multizentrische, real-world Beobachtungsstudie durch, um die Auswirkungen von isCGM auf die Lebensqualität und die Blutglukosekontrolle zu untersuchen.

Methodik: Zwischen Juli 2016 und Juli 2018 wurden konsekutiv 1  913 Erwachsene mit Typ-1-Diabetes in drei spezialisierten Diabeteszentren rekrutiert. Demographische, metabolische und Lebensqualitäts-Daten wurden standardisiert zu Beginn, nach 6 Monaten und 12 Monaten Nachbeobachtung erhoben. Der primäre Endpunkt war die Entwicklung der Lebensqualität von Beginn bis zu 12 Monaten. Sekundäre Endpunktmessungen waren unter anderem die Veränderung des HbA1c, die in verschiedenen glykämischen Bereichen verbrachte Zeit, das Auftreten akuter Diabetes-Komplikationen und der Arbeitsausfall.

Ergebnisse: Die allgemeine und diabetesspezifische Lebensqualität war zu Beginn der Studie hoch und blieb stabil, während sich die Behandlungszufriedenheit verbesserte (p < 0,0001). Einweisungen wegen schwerer Hypoglykämie und/oder Ketoazidose waren im Jahr vor der Studie selten (n = 63 von 1 913; 3,3 %), sanken aber weiter auf 2,2 % (n = 37 von 1 711; p = 0,031). Während der Studie berichteten weniger Personen über schwere hypoglykämische Ereignisse (n = 280 von 1 913 [14,6 %] vs. n = 134 von 1 711 [7,8 %]; p < 0,0001) oder hypoglykämische Komata (n = 52 von 1 913 [2,7 %] vs. n = 18 von 1 711 [1,1 %]; p = 0,001), während die HbA1c-Werte unverändert blieben. Weniger Menschen waren arbeitsunfähig (n = 111 von 1 913 [5,8 %] vs. n = 49 von 1 711 [2,9 %]; p < 0,0001). Die Zeitdauer der Hypoglykämie nahm signifikant ab, wobei parallel die Zeitdauer im Zielbereich abnahm und die Zeitdauer in der Hyperglykämie zunahm. Bei 11 % (n = 210) der Teilnehmer kam es zu Hautreaktionen, die bei 22 Teilnehmern (1 %) zum Abbruch des isCGM führten.

Schlussfolgerung: Die landesweite uneingeschränkte Erstattung von isCGM bei Personen mit Typ-1-Diabetes, die in spezialisierten Diabeteszentren behandelt wurden, führt zu einer höheren Behandlungszufriedenheit, weniger schweren Hypoglykämien und weniger Arbeitsausfall, wobei die Lebensqualität und der HbA1c stabil bleiben.

Kommentar: In der bisher größten real world Studie zum Thema isCGM wurde erstmals prospektiv die Lebensqualität als primärer Endpunkt erfasst. Die Untersuchung zeigt deutlich die Stärken der neuen Glukosemessmethode: Weniger Entgleisungen des Diabetes bei stabilem HbA1c und stabiler – hoher – Lebensqualität. Der positive Effekt auf die Time in Range wird in der FUTURE-Studie vermutlich unterschätzt, da es vor Beginn der Untersuchung keinen verblindeten Zeitraum der Glukosemessungen gab und vermutlich bereits ein Teil der Optimierung in den ersten zwei Behandlungswochen stattfand (welche als Basis für die Vergleiche im follow-up verwendet wurden). Die bisherigen randomisiert-kontrollierten Studien zum Thema und diese Real-World-Studie zeigen, dass isCGM inzwischen als Standard der Glukosekontrolle bei Typ-1-Diabetes anzusehen ist. In der Realität ist in Deutschland inzwischen das real-time-CGM (rtCGM; Libre 2 und andere) weit verbreitet. Auch hierzu wären weitere (real world) Studien wünschenswert, die untersuchen, ob – wie erwartet – die Time in Range weiter verbessert werden kann und wie die Lebensqualität durch die aufwendigeren Kontrollmechanismen beeinflusst wird.



Autor: PD Dr. med. Michael Hummel
Forschergruppe Diabetes am Helmholtz Zentrum München
Ingolstädter Landstr. 1
85764 Neuherberg
und
Krankenhaus München-Schwabing
Kölner Platz 1
80804 München

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2020; 20 (1) Seite 51-52