Miidera H, Enomoto M, Kitamura S, Tachimori H, Mishima K; Department of Sleep-Wake Disorders, National Institute of Mental Health, National Center of Neurology and Psychiatry, Tokyo, Japan; Diabetes Care 2020; 43: 885 – 893

Fragestellung: Das Ziel der Studie war es, die Assoziation zwischen dem Risiko einer Neumanifestation eines Typ-2-Diabetes und der Therapiedauer und Dosis einer antidepressiven Medikation aufzuzeigen sowie die Assoziation zwischen der Anwendung von Antidepressiva nach Manifestation des Diabetes und klinischen Endpunkten.

Methodik: In diese große retrospektive Kohortenstudie in Japan wurden Patienten mit Verordnungen von Antidepressiva (Expositionsgruppe) und solche ohne Verordnung (Nichtexpositionsgruppe) im Alter von 20 – 79 Jahren zwischen dem 1. April 2006 und dem 31. Mai 2015 eingeschlossen. Patienten mit einem bekannten Diabetes oder einer Diabetesbehandlung wurden ausgeschlossen. Kovariaten wurden adjustiert durch ein Propensity-Score-Matching. Es wurden die Assoziationen analysiert zwischen dem Risiko für eine Neumanifestation eines Typ-2-Diabetes und der Therapiedauer/Dosis von Antidepressiva in den Expositions- und Nichtexpositionsgruppen mittels Cox proportional Hazards Models. Änderungen des HbA1c-Werts wurden ermittelt in Gruppen mit kontinuierlicher Einnahme, diskontinuierlichem Gebrauch oder mit einer Dosisreduktion von Antidepressiva.

Ergebnisse: Von 90 530 Personen waren 45 265 in beiden Gruppen, Exposition und Nichtexposition, nach dem Propensity-Score-Matching. 5 225 Patienten (5,8 %) entwickelten einen Diabetes. Die Anwendung von Antidepressiva war assoziiert mit einem Risiko für die Diabetesneumanifestation in einer Therapiedauer und dosisabhängigen Weise. Die adjustierte Hazard Ratio betrug 1,27 (95 % CI 1,16 – 1,39) für einen kurzzeitigen und niedrig dosierten Gebrauch und 3,95 (95 % CI 3,31 – 4,72) für einen Langzeit- und Hochdosisgebrauch von Antidepressiva. Die HbA1c-Werte waren niedriger bei den Patienten, die die Antidepressivagabe unterbrochen oder die Dosis reduziert haben (F[2,49] = 8,17; p < 0,001).

Schlussfolgerung: Die Langzeittherapie mit Antidepressiva erhöht das Risiko für eine Neumanifestation eines Typ-2-Diabetes in einer therapiedauer- und dosisabhängigen Form. Die Glukosetoleranz verbesserte sich, wenn Antidepressiva abgesetzt wurden oder die Dosis reduziert wurde nach Diabetesmanifestation.

Kommentar: Eine bidirektionale Beziehung zwischen Typ-2-Diabetes und Depression wurde wiederholt beschrieben: Menschen mit Typ-2-Diabetes entwickeln mehr depressive Episoden als Menschen ohne Diabetes und umgekehrt entwickeln Menschen mit bekannter Depression häufiger einen Typ-2-Diabetes als solche ohne Depression. Diese große Kohortenstudie aus Japan weist sehr schön die eine Seite dieser Beziehung nach, nämlich die erhöhte Rate an Diabetes-Neumanifestationen, die zudem therapiedauer- und dosis­abhängig ist, sobald Antidepressiva zum Einsatz kommen. Nicht beantwortet wird leider die Frage: Was macht diese Beziehung aus? Sind es lediglich die eher körperlich inaktive Lebensweise mit u. U. verändertem Essverhalten der depressiven Menschen unter entsprechender Medikation, die dann häufig zu einer Gewichtszunahme führt, ggf. auch durch die Medikamenteneffekte selbst, oder spielen ganz andere Faktoren eine Rolle? Die große Kohorte kann prinzipiell viele Daten liefern.



Autorin: Priv.-Doz. Dr. med. Kornelia Konz
Ärztin für Innere Medizin, Endokrinologie, Diabetologie Ernährungsmedizin
DKD HELIOS Klinik
Aukammallee 33
65191 Wiesbaden

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2020; 20 (2) Seite 40-41