Messer LH, Berget C, Vigers T, Pyle L, Geno C, Wadwa RP, Driscoll KA, Forlenza GP; Denver, USA.; Diabetes Med 2020; online ahead of print; DOI: 10.1111/dme.14230

Fragestellung: Es sollten die Prädiktoren für die Beendigung der Nutzung eines Hybrid-Closed-Loop (HCL) Systems und die entsprechenden Barrieren unter jungen Menschen mit Typ-1-Diabetes untersucht werden.

Methodik: Junge Menschen mit Typ-1-Diabetes (mögliche Altersgruppe 2 – 25 Jahre; rekrutierte Altersspanne 8 – 25 Jahre), die mit dem Minimed 670G HCL-System begonnen hatten, wurden in einer Beobachtungsstudie prospektiv über sechs Monate nachverfolgt. Demographische, glykämische (Time in Range, HbA1c) und psychosoziale Variablen (Fragebogen zur Hypoglykämieangst (HFS)); diabetesbezogener Distress (Problem Areas in Diabetes (PAID)) wurden unter allen Teilnehmenden erhoben. Diejenigen, die das HCL-System beendet hatten (< 10 % HCL Gebrauch bei der ambulanten Vorstellung) beantworteten einen Fragebogen zu den von ihnen erlebten Hindernissen für die Nutzung.

Ergebnisse: Insgesamt hatten 92 junge Menschen (Alter 15,7 ± 3,6 Jahre, HbA1c 8,8 ± 1,3 %, 50 % weiblich) mit der Hybrid-Closed-Loop-Therapie begonnen. Davon haben 28 (30 %) die Nutzung aufgegeben. Die Mehrheit (64 %) beendete die Nutzung zwischen dem dritten und sechsten Monat nach dem Start des HCL-Systems. Der HbA1c-Ausgangswert prognostizierte einen Abbruch (p = 0,026) mit einer 2,7-fach höheren Abbruchwahrscheinlichkeit (95 % KI: 1,123 – 6,283) für jeden Anstieg des HbA1c-Ausgangswerts um 1 %. Jugendliche, die das HCL-System aufgegeben hatten, beschrieben Schwierigkeiten bei der Kalibrierung, die Anzahl der Alarme und den zu hohen Zeitaufwand als besonders belastende Faktoren des HCL-Systems. Qualitativ abgeleiteten Themen betrafen technologische Schwierigkeiten (Fehlerwarnungen, die nicht richtig funktionieren), zu viel Arbeit (Kalibrierungen, Blutglukosemessungen), zu viele Alarme, enttäuschte Erwartungen an eine bessere Stoffwechseleinstellung und Kosten (von den Eltern angegeben).

Schlussfolgerung: Unter jungen Menschen mit einem höheren HbA1c besteht ein höheres Risiko, eine Hybrid-Closed-Loop-Therapie abzubrechen, als bei denen mit einem niedrigeren Ausgangs-HbA1c. Junge Menschen mit höherem HbA1c sollten durch neue zielgerichtete Maßnahmen bei der Nutzung des Systems unterstützt werden. Der Hauptgrund für den Abbruch der Nutzung des Systems betraf den damit verbundenen Arbeitsaufwand.

Kommentar: Mit dem HCL-System haben viele Betroffene und Eltern große Hoffnungen auf eine Entlastung im Alltag verbunden. Diese Erwartungshaltung mag auch durch euphorische Berichte sehr erfahrener und kompetenter erster Nutzer in den (sozialen) Medien verstärkt worden sein. Demgegenüber bedeutet diese Technologie für weniger erfahrene und weniger kompetente junge Menschen mit Diabetes einen großen Aufwand, der nicht gleich durch stabilere Stoffwechselwerte kompensiert wird. Gleichzeitig muss berücksichtigt werden, dass in US-amerikanischen Zentren umfassenden Schulungen nicht üblich sind. Für den Start dieser Technologie in Deutschland wird deutlich, dass HCL-spezifische Schulungen, realistische Erfolgserwartungen, Geduld und die Bereitschaft, zunächst Zeit und Arbeit zu investieren, unverzichtbar sind.



Autorin: Prof. Dr. rer. nat. Karin Lange
Diplom-Psychologin, Fachpsychologin Diabetes DDG
Medizinische Hochschule Hannover (MHH)
Carl-Neuberg-Str. 1
30625 Hannover

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2020; 20 (1) Seite 52-53