Aye T, Mazaika PK, Mauras N, Marzelli MJ, Shen H, Hershey T, Cato A, Weinzimer SA, White NH, Tsalikian E, Jo B, Reiss AL, Diabetes Research in Children Network (DirecNet) Study Group. Stanford, USA; Diabetes Care 2019; 42: 443 – 449

Fragestellung: Diese Studie untersuchte, ob bei Kindern mit Typ-1-Diabetes eine diabetische Ketoazidose (DKA) mit Veränderungen der Kognition und der Gehirnentwicklung assoziiert ist.

Methodik: Von 144 Kindern mit Typ-1-Diabetes im Alter von 4 bis < 10 Jahren, die an einer Beobachtungsstudie des Diabetes Research in Children Network (DirecNet) teilnahmen, wurden kognitive und bildgebende Untersuchungsergebnisse analysiert. Die Teilnehmer wurden nach dem DKA-Schweregrad (keine/leicht oder moderat/schwer) in der Vorgeschichte gruppiert. Jeder Teilnehmer hatte zu Studienbeginn und 18 Monaten später MRT-Untersuchungen und kognitive Tests.

Ergebnisse: Bei 48 von 51 Probanden trat das DKA-Ereignis zum Zeitpunkt der Diabetesmanifestation auf, durchschnittlich 2,9 Jahre vor Studienbeginn. Die Gruppe mit moderater/schwerer DKA entwickelte über die 18 Beobachtungsmonate mehr Gesamt- und regionales Volumen an weißer und grauer Substanz als die Gruppe ohne bzw. mit milder DKA. Wenn die Teilnehmer bezüglich dem Alter bei Studieneinschluss und dem durchschnittlichem HbA1c während des 18-monatigen Beobachtungszeitraumes gematcht waren, wurden bei Teilnehmern mit moderater/schwerer DKA signifikant niedrigere Intelligenzquotienten-Werte und geringere kognitive Leistungen bei den Subtests des Conners‘ Continuous Performance Test II und des Dot Locations Subtest der Children‘s Memory Scale im Vergleich zu Kindern ohne bzw. mit milder DKA beobachtet.

Schlussfolgerung: Bei jungen Kindern ist eine einzelne Episode mit moderater/schwerer DKA bei Diabetesmanifestation mit niedrigeren kognitiven Werten und einer veränderten Gehirnentwicklung verbunden. Weitere Studien sind erforderlich, um festzustellen, ob eine frühere Diagnose des Typ-1-Diabetes und die Prävention der DKA die langfristigen Auswirkungen einer Ketoazidose auf das sich entwickelnde Gehirn reduzieren kann.

Kommentar: Während sich laut DPV-Daten die Versorgungsqualität bei Typ-1-Diabetes in Deutschland in den letzten 20 Jahren gebessert hat, sind die Ketoazidoseraten mit annähernd 30 % bei Manifestation konstant geblieben. Bei 0,5 bis 1 % der Ketoazidosen tritt bei Kindern ein Hirnödem auf, wovon bis zu 24 % tödlich verlaufen. In der BABYDIAB-Studie, die in Deutschland Kinder von Personen mit Typ-1-Dia­betes auf Diabetes-assoziierte Antikörper gescreent hat, liegt die Ketoazidoserate bei 3,3 %, innerhalb des Screenings in der Allgemeinbevölkerung (Fr1da-Studie) bisher sogar unter 0,5 %. Berücksichtigt man nun auch die geschilderten Auswirkungen der Ketoazidosen auf die Gehirnentwicklung – die gesteigerte Bildung von weißer und grauer Substanz wird als Kompensationsmechanismus für zerstörtes Gehirngewebe gedeutet – und die etwas reduzierten kognitiven Leistungen, so scheint das frühe Screening eine wichtige Präventionsmaßnahmen zu sein.



Autor: PD Dr. med. Michael Hummel
Forschergruppe Diabetes am Helmholtz Zentrum München
Ingolstädter Landstr. 1
85764 Neuherberg
und
Krankenhaus München-Schwabing
Kölner Platz 1
80804 München

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2019; 19 (2) Seite 49