Ferrara A, Hedderson MM, Brown SD, Ehrlich SF, Tsai AL, Feng J, Galarce M, Marcovina S, Catalano P, Quesenberry CP; Oakland, USA; Lancet Diabetes Endocrinol. 2020; 8: 490 – 500. doi:10.1016/S2213-8587(20)30107-8

Fragestellung: Eine übermäßige Gewichtszunahme in der Schwangerschaft (GWG) bei übergewichtigen oder adipösen Frauen erhöht synergistisch das bereits erhöhte Risiko für einen Gestationsdiabetes, eine Sektio, ein zu großes Kind (LGA-Kind), das Beibehalten des erhöhten Gewichts nach der Geburt und das Adipositasrisiko des Kindes. Die Autorinnen untersuchten, ob eine primär telemedizinische Lebensstilintervention die übermäßige Gewichtszunahme in der Schwangerschaft bei übergewichtigen und adipösen Frauen reduzieren kann.

Methodik: Die Autorinnen führten in fünf Geburtskliniken der Kaiser Permanente Health Maintenance Organisation eine randomisierte klinische Studie durch (Oakland, San Leandro, Walnut Creek, Fremont, and Santa Clara, CA, USA). Frauen in der 8. bis 15. Schwangerschaftswoche (SSW) mit einer Ein-Kind-Schwangerschaft, einem BMI vor der Schwangerschaft zwischen 25,0 und 40,4 kg/m2 im Alter von mindestens 18 Jahren wurden zufällig (1:1) entweder einer telemedizinischen Lebensstilintervention oder der üblichen Schwangerschaftsbetreuung zugewiesen. Die Randomisierung wurde hinsichtlich Alter, BMI, Rasse und Ethnizität ausbalanciert. Studienleiter und Forscher kannten die Gruppenzugehörigkeit der Frauen nicht. Die zentrale Lebensstilintervention setzte sich aus zwei persönlichen und elf telefonischen Kontakten zusammen. Dabei wurden Verhaltensstrategien zur Verbesserung der Gewichtsentwicklung, Ernährung, körperlichen Aktivität und zum besseren Stressmanagement vermittelt, um Frauen dabei zu unterstützen, das Ziel der Studie zu erreichen. Dies bezog sich auf die Untergrenze der vom Institute of Medicine (IOM) empfohlenen Gewichtszunahme während der Schwangerschaft (GWG): 7 kg bei Frauen mit Übergewicht und 5 kg für adipösen Frauen. Die übliche vorgeburtliche Betreuung umfasste eine Vorstellung in der 7. bis 10. Schwangerschaftswoche, durchschnittlich weitere sieben Besuche sowie regelmäßige Newsletter zur Gesundheitsberatung, einschließlich der IOM-GWG-Richtlinien und Informationen zu gesunder Ernährung und körperlicher Aktivität in der Schwangerschaft. Das primäre Ergebnis war die wöchentliche GWG-Rate, dargestellt als übermäßige GWG gemäß den Richtlinien des IOW und dem Mittelwert der teilnehmenden Schwangeren.

Ergebnisse: Zwischen dem 24.3.2014 und dem 26.9.2017 wurden 5 329 Schwangere auf eine mögliche Teilnahme überprüft und davon 200 zufällig der Gruppe mit der Lebensstilintervention und 198 der Gruppe mit der üblichen Betreuung zugewiesen. In die Analysen wurden 199 Schwangere mit der Lebensstilintervention (eine hat die Studie vorzeitig beendet) und 195 in der Gruppe mit der üblichen Versorgung (drei Studienabbrecherinnen). 96 (48 %) Frauen der Lebensstilintervention und 134 (69 %) Frauen mit üblicher Betreuung haben mehr an Gewicht zugenommen als in den Leitlinien des Institute of Medicine für die wöchentliche Gewichtszunahme in der Schwangerschaft empfohlen wird (relatives Risiko 0,70; 95 % KI 0,59 – 0,83). Gegenüber der üblichen Betreuung wiesen Schwangere der Interventionsgruppe eine geringere wöchentliche Gewichtszunahme auf (Mittelwert 0,26 kg pro Woche [Stabw. 0,15] vs. 0,32 kg pro Woche [0,13]; mittlere Differenz zwischen den Gruppen -0,07 kg pro Woche, 95 % KI -0,09 bis -0,04). Zwischen den Gruppen wurden keine Unterschiede bezogen auf perinatale Komplikationen beobachtet.

Schlussfolgerung: Das evidenzbasierte Programm hat gezeigt, dass sich Gesundheitssysteme weiter an die Lebensbedingungen ihrer Patientinnen und der klinischen Situation anpassen sollten, um einer übermäßigen Gewichtszunahme in der Schwangerschaft vorzubeugen, ein gesundes Verhalten zu stärken und einer Insulinresistenz bei Schwangeren mit Übergewicht oder Adipositas durch telemedizinische Interventionen vorzubeugen.

Kommentar: Nicht erst seit der COVID-19-Pandemie sind telemedizinische Behandlungsansätze besonders bei chronischen Erkrankungen und bei Adipositas in den Fokus des Interesses gerückt. Schwangere, insbesondere von Adipositas betroffene, gelten als gefährdete Gruppe und sollten daher strenge präventive Maßnahmen wie soziale Distanzierung und Selbstisolierung ergreifen, um das Risiko für die Viruserkrankung zu senken. Die GLOW-Studie, zeigt dazu detailliert, wie übergewichtige Schwangere telefonisch zu einem gesunden Lebensstil motiviert und betreut werden können. Voraussetzung für den Erfolg ist dabei, dass die Beraterinnen am Telefon fachlich als auch psychologisch hoch qualifiziert sind, um die motivierenden Gespräche an die individuelle Situation und Bedürfnisse der Schwangeren anzupassen. Hier ergibt sich ein Feld für erfolgreiche präventive Ansätze, die sowohl die Mutter als auch das Kind vor Adipositas und deren Folgen schützen können.



Autorin: Prof. Dr. rer. nat. Karin Lange
Diplom-Psychologin, Fachpsychologin Diabetes DDG
Medizinische Hochschule Hannover (MHH)
Carl-Neuberg-Str. 1
30625 Hannover

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2020; 20 (4) Seite 44-45