Nielsen NF, Gaulke A, Eriksen TM, Svensson J, Skipper N; Aarhus, ­Dänemark; Diabetes Care 2019 May 23. pii: dc190184. doi: 10.2337/dc19-0184

Fragestellung: Die Studie untersuchte die Ungleichheit der Qualität der Stoffwechseleinstellung bei Kindern mit Typ-1-Diabetes abhängig vom Bildungsniveau ihrer Mütter in einem Gesundheitssystem mit einem uneingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung.

Methodik: In die landesweite Längsschnittstudie wurden zwischen den Jahren 2000 und 2013 insgesamt 4 079 dänische Kinder mit Typ-1-Diabetes einbezogen. Abhängig vom Bildungsniveau ihrer Mutter wurden die Kinder vier Gruppen zugewiesen (unterhalb Gymnasium [n = 1 643], Berufsschule oder zweijähriges College [n = 1 548], Bachelorabschluss [n = 695], Masterabschluss oder höher [n = 193]). Der sozioökonomische Status und die Behandlungsprinzipen wurden zwischen diesen Gruppen verglichen. Das HbA1c und die Zahl täglicher Glukosemessungen wurden von Diagnose an bis 5 Jahre danach in den verschiedenen Gruppen wiederholt verglichen. Das HbA1c wurde bezogen auf die Häufigkeit der täglichen Blutzuckermessungen analysiert und zwischen den Gruppen verglichen. Mittels linearer Regression wurden die HbA1c-Werte zwischen den Gruppen mit und ohne Adjustierung hinsichtlich sozioökonomischer Variablen und Therapiekonzepte gegenübergestellt.

Ergebnisse: Es ergaben sich große Unterschiede im HbA1c -abhängig vom mütterlichen Bildungsniveau. Das mittlere HbA1c betrug 59,7 mmol/mol (7,6 %) für Kinder von Müttern mit einem Masterabschluss oder höher und 68,7 mmol/mol (8,4 %) für Kinder von Müttern mit einem High-School-Abschluss (Differenz: 9,0 mmol/mol) [95 % CI 7,5 – 10,6]; 0,8 % [95 % CI 0,7 – 1,0]). Nach Adjustierung wurde die Assoziation schwächer, sie blieb jedoch signifikant. Die beobachteten Charakteristika erklärten 41,2 % des Unterschieds im HbA1c zwischen Kindern von Müttern mit niedrigeren Bildungsabschlüssen und Müttern mit einem Masterabschluss oder höher. Etwa 22,5 % der Differenz im HbA1c war auf häufigere Blutzuckermessungen bei Kindern mit gut ausgebildeten Müttern zurückzuführen.

Schlussfolgerung: Der familiäre Hintergrund ist maßgeblich mit der Qualität der Stoffwechseleinstellung von Kindern mit Typ-1-Diabetes assoziiert. Dies gilt auch, wenn sie einen uneingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung haben.

Kommentar: Die anspruchsvolle intensivierte Insulintherapie erfordert ein umfassendes Verständnis des Behandlungsprinzips und die Fähigkeit zu dessen Umsetzung unter den Alltagsbedingungen von Familien. Es verwundert nicht, dass die Prognose von Kindern mit Typ-1-Diabetes durch das intellektuelle Niveau ihrer Mütter bestimmt wird. Um eine größere Chancengleichheit zu erreichen, sollten maßgeschneiderte Trainings für verschiedene Bildungsniveaus und einfacher umzusetzende Therapieprinzipien entwickelt werden. Inwieweit neue Technologien diese Unterschiede verringern oder vergrößern, bleibt abzuwarten.



Autorin: Prof. Dr. rer. nat. Karin Lange
Diplom-Psychologin, Fachpsychologin Diabetes DDG
Medizinische Hochschule Hannover (MHH)
Carl-Neuberg-Str. 1
30625 Hannover

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2019; 19 (3) Seite 46-47