Nunley KA, Karp JF, Orchard TJ, Costacou T, Aizenstein HJ, Jennings JR, Rosano C; Pittsburgh, USA; Diabet Med 2019; 36: 1168 – 1175

Fragestellung: Die Studie vergleicht die Prävalenz und die Risikofaktoren depressiver Symptome unter Erwachsenen mit und ohne Typ-1-Diabetes im mittleren Lebensalter. Weiterhin wird untersucht, ob depressive Symptome bei Personen mit Typ-1-Diabetes in Beziehung zu den Volumina von Hyperintensitäten der weißen Hirnsubstanz stehen.

Methodik: Die depressive Symptomatik und die Hyperintensitäten der weißen Hirnsubstanz wurden zwischen Erwachsenen (Alter 30 bis 65 Jahre) mit Typ-1-Diabetes (n = 130) und ohne Typ-1-Diabetes (n = 133) verglichen. Zusätzlich wurde die Beziehung zwischen Typ-1-Diabetes und depressiven Symptomen vor und nach der Adjustierung hinsichtlich der Hyperintensität der weißen Hirnsubstanz analysiert. In der Gruppe mit Typ-1-Diabetes (n = 71) waren die Assoziationen zwischen der depressiven Symptomatik (Beck Depression Inventory; Summenwert ≥ 10) und der Hyperintensität der weißen Hirnsubstanz, der Hyperglykämie und der körperlichen Aktivität von primärem Interesse. Außerdem wurden Beziehungen zwischen depressiven Symptomen und diabetes­bezogenen Komplikationen, kognitiver Beeinträchtigung, Rauchen und selbst berichteter Behinderung analysiert. Die Analysen wurden hinsichtlich Bildungsniveau, Geschlecht, Alter und Einnahme von Antidepressiva kontrolliert.

Ergebnisse: Eine depressive Symptomatik wurde häufiger bei Personen mit als bei Personen ohne Typ-1-Diabetes festgestellt (28 % vs. 3 %; p < 0,001). Die Hyperintensität der weißen Hirnsubstanz erklärte 40 % der Assoziation zwischen Typ-1-Diabetes und depressiven Symptomen, der direkte Einfluss des Typ-1-Diabetes auf die depressive Symptomatik betrug 68 %. Unter den Personen mit Typ-1-Diabetes standen depressive Symptome in signifikanter Beziehung zu den Volumina der Hyperintensivitäten der weißen Substanz, zu einem mittleren HbA1c ≥ 58  mmol/mol (7,5 %) über die letzten 16 Jahre und geringerer körperlicher Aktivität. Darüber hinaus ergaben sich keine signifikanten Beziehungen zu anderen Merkmalen.

Schlussfolgerung: Diese Ergebnisse legen nahe, dass die depressive Symptomatik bei Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes zerebrovaskulär bedingt sein kann, wobei Hyperglykämien als Auslöser fungieren. Zukünftige Längsschnittstudien sollten klären, ob eine Reduktion von Hyperglykämien und körperlicher Inaktivität dazu beitragen kann, depressive Symptome bei Personen mit Typ-1-Diabetes zu vermeiden, indem dadurch zerebrale mikrovaskuläre Schäden hinausgezögert werden.

Kommentar: In der zitierten Studie wurden mittels MRT-Untersuchungen Volumina der Bereiche hoher Intensität der weißen Hirnsubstanz analysiert. Diese spiegeln Läsionen wider, die vor allem durch Demyelinisierung und axonalen Verlust hervorgerufen werden. Es ist bekannt, dass diese häufiger bei bipolaren oder depressiven Störungen beobachtet werden. Die hier dargestellte Assoziation zwischen langjähriger Hyperglykämie bei Typ-1-Diabetes und Läsionen der weißen Substanz kann ein Hinweis darauf sein, dass nicht nur die kognitive Leistungsfähigkeit, sondern auch das emotionale Erleben durch eine unzureichende Qualität der Glukosestoffwechseleinstellung erheblich beeinträchtigt werden kann. Das Risiko einer psychischen Beeinträchtigung sollte bei der Therapieplanung mit Patienten mit einer unzureichenden Stoffwechseleinstellung adressiert und berücksichtigt werden.



Autorin: Prof. Dr. rer. nat. Karin Lange
Diplom-Psychologin, Fachpsychologin Diabetes DDG
Medizinische Hochschule Hannover (MHH)
Carl-Neuberg-Str. 1
30625 Hannover

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2019; 19 (5) Seite 49-50