Kullmann S, Hummel J, Wagner R et al Abt. Innere Medizin IV, ­Medizinische Universitätsklinik, Tübingen, Deutschland; Diabetes Care 2022; 45(2): 398 – 406.

Fragestellung: Insulineffekte im menschlichen Gehirn reduzieren die Nahrungsaufnahme, verbessern die Insulinsensitivität des gesamten Körpers und modulieren die Körperfettmasse und ihre Verteilung. Adipositas und Typ-2-Diabetes sind oft assoziiert mit Insulinresistenz des Gehirns, die in einer eingeschränkten zentral bedingten Modulation des peripheren Stoffwechsels resultiert. Bislang wurde keine pharmakologische Therapie für die Insulinresistenz des Gehirns etabliert. Da Natrium-Glukose-Cotransporter 2 (SGLT2)-Inhibitoren die Glukosekonzentration erniedrigen und den Energiestoffwechsel modulieren, wurde angenommen, dass SGLT2-Inhibitoren eine pharmakologische Möglichkeit sein könnten, die Insulinresistenz des Gehirns umzukehren.

Studiendesign und Methoden: in dieser randomisierten, doppelblinden, plazebokontrollierten klinischen Studie erhielten 40 Patienten (Mittelwerte ± SD; 60 ± 9 Jahre; BMI 31,5 ± 3,8 kg/m²) mit Prädiabetes randomisiert 25 mg Empagliflozin täglich oder Plazebo. Vor und nach 8 Wochen Therapiedauer wurde die Insulinsensitivität des Gehirns durch ein funktionelles MRT, kombiniert mit der intranasalen Insulingabe für das Gehirn, erfasst.

Resultate: Es wurde eine signifikante Interaktion identifiziert zwischen der Zeit, der Therapie und der hypothalamischen Antwort auf Insulin. Die nachträgliche Analyse erbrachte, dass nur die Empagliflozin-behandelten Patienten ein erhöhtes Ansprechen des Hypothalamus entwickelten. Die hypothalamische Insulinaktion beeinflusste signifikant den Empagliflozin-induzierten Abfall der Nüchternglukose und des Leberfetts.

Schlussfolgerung: Die Resultate bestätigen eine Insulinresistenz des Hypothalamus bei Menschen mit Prädiabetes. Behandlung mit Empagliflozin für 8 Wochen war in der Lage, die hypothalamische Insulinsensitivität wieder herzustellen, eine günstige Wirkung, die zu dem Benefit der SGLT2-Inhibitoren beitragen kann. Die Ergebnisse stellen die SGLT2-Inhibitoren in die erste Reihe der pharmakologischen Ansätze zur Umkehr der Insulinresistenz des Gehirns mit potentiellem Benefit auch für Adipositas und Ganzkörperstoffwechsel.

Kommentar: Prädiabetes ist ein Zustand von Insulinresistenz, nicht nur des Fettgewebes, der Leber und der Muskulatur, sondern wie hier gezeigt, auch des Gehirns und besonders des Hypothalamus, eines zentralen Steuerpunktes verschiedener Organfunktionen, u. a. der ­Energiehomöostase und des Stoffwechsels. Über den intranasalen Applikationsweg ist die intrazerebrale Insulinwirkung zu untersuchen. Seit ca. 6 Jahren erobern SGLT2-Inhibitoren die Welt der Dia-betologie, der Kardiologie und auch der Nephrologie. Diese interessante Untersuchung mit dem SGLT2-Inhibitor Empagliflozin zeigt einen neuen weiteren Effekt dieser Substanz. Sie scheint die hypothalamische Insulinresistenz aufheben zu können und würde bei Bestätigung dieses Effektes das Therapiespektrum dieser Substanz um die Behandlung eines der pathogenetischen Schlüsselfaktoren des Prädiabetes erweitern und damit präventiv, auch bei Adipositas, einsetzbar sein



Autorin:
Priv.-Doz. Dr. med. Kornelia Konz

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2022; 22 (1) Seite 50