Fast wäre sie schon Anfang 2020 gescheitert, doch im August wendete sich das Blatt: die erste Nationale Diabetes-Strategie wurde im Bundestag verabschiedet – mitten in Corona-Zeiten und nach jahrelangem Hickhack.

Eine verbindliche Zuckerreduktion in Lebensmitteln und ein Werbeverbot zuckerhaltiger Lebensmittel für Kinder – diese Streitpunkte standen zu Jahresbeginn im Fokus der Diskussion rund um die Strategie. Die Verantwortlichen aus der Regierungskoalition kamen aber einfach auf keinen gemeinsamen Nenner – die Strategie stand schon kurz vor ihrem Aus.

Gesamtkonzept statt Einzelmaßnahmen

Die Hauptkritik seitens der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) lautete: Da die bisherigen unverbindlichen und freiwilligen Einzelmaßnahmen praktisch wirkungslos seien, müsse ein gesamtgesellschaftliches Konzept her, das von Prävention über Forschung und Früherkennung bis zu fächer- und sektorenübergreifenden Versorgungskonzepten reicht.

Freudig verhalten – und damit alles andere als euphorisch – reagierte denn die DDG auf die Verkündung der ersten Nationalen Diabetes-Strategie im August. Zwar wird deren Verabschiedung im Bundestag begrüßt – endlich könne man sich an die Umsetzung der so wichtigen Forderungen machen, die derzeit knapp 8 Mio. Menschen mit Diabetes in Deutschland betreffen.

DDG: Taten müssen folgen!

Die Fachgesellschaft bleibt aber kritisch: Von einer „Diabetes-Strategie ‚Light‘“, spricht etwa DDG-Präsidentin Prof. Dr. Monika Kellerer – ihr fehlen in dem neuen Beschluss weiterhin wesentliche Bausteine, wie eine verbindliche Zuckerreduktion. „Es kann sich bei der Nationalen Diabetes-Strategie nur um einen ersten Aufschlag handeln, nun müssen den Willensbekundungen auch Taten folgen“, sagte sie im Anschluss an die entscheidende Plenarsitzung.

Der Bundestag hatte in dieser Sitzung einen Initiativantrag mit dem Titel „Start einer Nationalen Diabetes-Strategie – Gesundheitsförderung und Prävention in Deutschland und Versorgung des Diabetes mellitus zielgerichtet weiterentwickeln“ angenommen, auf den sich CDU/CSU und SPD noch vor der Sommerpause geeinigt hatten. Mit diesem Schritt fordert der Bundestag die Bundesregierung nun direkt auf, Prävention und Versorgungsforschung zu Adipositas und Diabetes voranzutreiben.

Für die Erarbeitung der Strategie hatte sich jahrelang vor allem Dietrich Monstadt, Mitglied des Gesundheitsausschusses im Bundestag, stark gemacht – er hat selbst Typ-2-Diabetes und spritzt Insulin. Gegenüber seiner Fraktion sagte er erst vor Kurzem in einer Rede zur Diabetes-Strategie: „Wir wollen weiter den Diabetespatienten dabei unterstützen, sein eigener Gesundheitsmanager zu werden: beim Ernährungsverhalten und beim Bewegungsverhalten.“

Dauerzank um Softdrinks

Gerade im Ernährungsbereich geht der DDG die Strategie nicht weit genug – vor allem die Lebensmittelindustrie müsse mehr in die Pflicht genommen werden, die mit ihren Produkten stark zum Essverhalten der Bevölkerung beitrage, ob gesund oder ungesund (siehe Kasten). Bei den Softdrinks zum Beispiel peilt die Strategie als Ziel weiter nur eine freiwillige Zuckerreduktion von 15 Prozent bis Ende 2025 an – „viel zu gering und damit quasi wirkungslos, um neue Diabetesfälle zu verhindern“, erklärt die DDG-Geschäftsführerin Barbara Bitzer.

Wie stark die Alltagsumgebung und das Lebensmittelangebot, etwa im nächsten Supermarkt, das Leben der Menschen beeinflusst, werde von der Politik immer noch viel zu wenig berücksichtigt und stattdessen weiter fest auf individuelles Verhalten gesetzt. Von einer Diabetes-Strategie könne man aber nur dann sprechen, wenn diese auch verbindliche Maßnahmen und ambitionierte Ziele im Ernährungsbereich umfasse, so Bitzer.

Viele Jahre, wenige Erfolge

Das Vorhaben „Nationale Diabetes-Strategie“ zieht sich schon seit Jahren hin. Bereits 2018 hatten Union und SPD im Koalitionsvertrag die Strategie beschlossen (wir berichteten mehrfach). Und allein diesem Passus waren viele langwierige, oft frustrane Verhandlungen vorausgegangen, die Deutschlands Diabetesorganisationen mit der Gesundheitspolitik führten.

Begeisterung sieht anders aus, könnte man auch bei der Reaktion von Dr. Klaus-D. Warz, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Diabetes Föderation (DDF), meinen: „Der anfänglichen Freude darüber, dass es die Strategie nach so vielen Jahren der zähen Verhandlung endlich in den Bundestag geschafft hat, folgte sehr schnell die Ernüchterung: Von einer Strategie kann keine Rede sein, es ist nur eine Ansammlung von Absichtserklärungen.“

Konkrete Maßnahmen wie die Zuckerreduktion von Softdrinks oder Werbeverbote für zuckerhaltige Produkte für Kinder fehlen. Und warum spielt die Selbsthilfe in der Nationalen Diabetes-Strategie keine Rolle? Das Potenzial der Selbsthilfe bleibt schlichtweg ungenutzt. Das ist enttäuschend.“

Warz weiter: „Die DDG-Präsidentin sieht hingegen „viele gute Ansätze in dem Entwurf, die in Zukunft inhaltlich ausgefüllt werden müssen und bestenfalls noch Ergänzungen finden“ – und setzt hier vor allem auf Nachbesserungen im Rahmen des Präventionsgesetzes.

Nutri-Score – voraussichtlich ab November! Der sog. Nutri-Score steht kurz vor seiner Einführung: Eine entsprechende Verordnung von Bundesernährungsministerin Julia Klöckner die sog. Nutri-Score-Kennzeichnung nach französischem Vorbild (wir berichteten) als erweitertes Nährwertkennzeichen auch in Deutschland zu etablieren, hat das Bundeskabinett im August gebilligt.

Grünes A, rotes E Eine 5-stufige Farb-Buchstabenkombination zeigt dabei den Nährwert des jeweiligen Produkts an – vom grünen A bis zum roten E. Innerhalb einer Produktgruppe trägt ein Lebensmittel mit grüner A-Bewertung eher zu einer gesunden Ernährung bei als ein Produkt mit rotem E.

Der Bundesrat wird sich voraussichtlich im Oktober mit der Verordnung befassen, die spätestens im November 2020 in Kraft treten soll. Für die Verbraucher biete der Nutri-Score „die beste Orientierung am Supermarktregal“, so Julia Klöckner. „Es geht nicht um Verzicht, sondern um die bessere Alternative, um bewusste Entscheidungsmöglichkeiten, ohne langwierig Nährwerttabellen studieren zu müssen. Diese bleiben weiterhin auf der Rückseite erhalten.“

Der Nutri-Score auf der Vorderseite werde den Verbrauchern aber eine gute Orientierungshilfe geben, erklärte sie. „Wenn zu viele Fette, Zucker oder Salz enthalten sind, wird die Bewertung ungünstiger. Ich habe die klare Erwartung an die Unternehmen, dass sie die Kennzeichnung nutzen! Dafür schaffen wir die Voraussetzungen“, betont die Ministerin. Die nationale Einführung von erweiterten Nährwertkennzeichen ist nach geltendem EU-Recht nicht verpflichtend möglich.

Quelle: www.bmel.de

Als „grob unzureichend“ kritisiert hingegen die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten DANK die Inhalte der Strategie zur Prävention, erkennt aber zumindest einen Fortschritt: Kinderlebensmittel sollen künftig dem Nährwertprofil der WHO entsprechen. „Damit könnten endlich die überzuckerten Kinder-Frühstücksflocken aus den Regalen verschwinden“, so Barbara Bitzer, die gleichzeitig auch DANK-Sprecherin ist.

Zum Schutz aller Kinder vor ungesunden Lebensmitteln solle Deutschland hier aber auf ein sofortiges Werbeverbot drängen statt auf eine europäische Regelung zu warten, fordert sie.

Ressortübergreifende Strategie angedacht

Rundum positiv äußert sich die Deutsche Adipositas-Gesellschaft zur Strategie, die nun den Weg für eine Regelversorgung von starkem Übergewicht (Adipositas) geebnet habe. So ist in dem Beschluss bei der Diabetesprävention die Etablierung einer leitliniengerechten Regelversorgung der „Adipositas-Erkrankung“ – „Grad 1 – 3“ erwähnt.

Adipositas müsse endlich im gesundheitspolitischen Fokus stehen. Langfristig solle die Diabetes-Strategie in eine ressortübergreifende Strategie für Gesundheitsförderung und Prävention in Deutschland überführt werden. „Mit effektiver Prävention und Therapie der Adipositas kann die Bundesregierung nicht nur den wichtigsten Risikofaktor für Diabetes Typ 2, sondern gleichzeitig das Risiko für eine Vielzahl weiterer Folgekrankheiten senken“, erklärt sie – etwa Herzkreislauf-Krankheiten, Hochdruck und viele Krebsarten.


Autorin: Angela Monecke
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Erschienen in: Diabetes-Forum, 2020; 32 (9) Seite 6-7