Immer mehr stark Übergewichtige brauchen ein künstliches Hüftgelenk, doch gerade bei dieser Patientengruppe kann der Eingriff schwierig werden.

Jeder zehnte Patient, der in Europa ein künstliches Hüftgelenk benötigt, ist fettleibig. Eine große Herausforderung für die orthopädische Chirurgie, denn wer allzu viele Kilos auf die Waage bringt, muss mit Komplikationen rechnen, darauf wiesen die Europäischen Fachgesellschaften für Orthopädie und Traumatologie (Efort) anlässlich ihres 17. Jahreskongresses Anfang Juni in Genf hin. Inzwischen würden sich aber immer mehr Möglichkeiten herauskristallisieren, um Sicherheit und Erfolg von Hüft-Implantationen bei adipösen Menschen zu verbessern.

"Aus ärztlicher Sicht ist es jedenfalls sinnvoll, auch extrem fettleibigen Menschen bei Bedarf eine Hüftprothese einzusetzen. Das ist die effektivste Methode, um die Beweglichkeit von Personen mit schweren Arthrosen wieder herzustellen. Die Alternative wären chronische Schmerzen, Behinderung und sogar Pflegebedürftigkeit", so das Resümee von Prof. Sébastien Lustig von der Croix-Rousse Universitätsklinik in Lyon und Prof. Sébastien Parratte von der Universität Aix Marseille.

Adipositas nicht nur ein biomechanisches, auch ein biologisches Problem

Einer Schweizer Studie zufolge sind vor allem Adipöse ab einem BMI von 35 Risikokandidaten für Nachoperationen und Infektionen: Einer Auswertung von 2.500 Knieprothetik-Daten zufolge brauchen Patienten ab diesem BMI im Vergleich zu anderen doppelt so oft Revisionsoperationen und leiden auch doppelt so oft an tiefen Infektionen. "Adipositas ist nicht nur ein biomechanisches, sondern auch ein biologisches Problem", erklärt Lustig.

"Es stimmt zwar, dass jedes Pfund Körpergewicht tragende Gelenke wie das Knie mit einem Druck von vier bis sechs Pfunden belasten. Doch die Wirkung von Übergewicht ist viel komplexer, das muss in der orthopädischen Chirurgie immer mitbedacht werden." So hat sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass Fettleibigkeit, metabolisches Syndrom und kardiovaskuläre Erkrankungen auf komplexe Weise zusammenspielen. Sie begünstigen Entzündungsprozesse und Knorpeldegeneration, die an der Entstehung von Arthrosen beteiligt sind.

Diabetes erhöht nach Angaben der Efort-Experten das Infektionsrisiko bei Hüftoperationen um zehn Prozent, und sollte daher unbedingt vor der Operation gut behandelt werden. Andere infektionsvermeidende Maßnahmen seien Raucherentwöhnung vor der OP, eine spezielle Vorbereitung der Haut und die Verwendung von Knochenzement mit Antibiotika. Mitentscheidend für den Erfolg einer Hüft-OP sei die präoperative Aufklärung der Patienten.

Bei Adipösen ist die Gefahr einer Dislokation höher als bei Normalgewichtigen

"Auch wenn es keine offizielle Gewichtsgrenze für das Implantieren von Gelenksprothesen gibt: Gerade bei Fällen von krankhafter Adipositas, also ab einem BMI von 40 kg/m2, wäre es sehr angezeigt, vor der OP Kilos loszuwerden", empfiehlt Parratte. Die Operateure sollten daher mit den Patienten alle Risiken durchgehen, die sich bei einem Eingriff ohne vorherigen Gewichtsverlust ergeben können. Außerdem sollten die Möglichkeiten besprochen werden, um Gewicht zu reduzieren – wenn nötig auch chirurgische Optionen wie das Einsetzen eines Magenbandes.

Vor der Operation müssen Patienten zudem genau darüber informiert werden, was sie mit dem neuen Hüftgelenk tun können und was nicht. "Gerade bei Adipösen ist die Gefahr einer Dislokation höher als bei Normalgewichtigen", betont Lustig. Vermutet wird auch, dass aseptische Lockerungen von Hüftendoprothesen bei Fettleibigkeit häufiger vorkommen. Diese entsteht vor allem durch Abriebpartikel oder fehlende initiale Stabilität des Implantats.

"Um eine Dislokation der Hüfte zu vermeiden, haben sich künstliche Hüftgelenke bewährt, die einen hohen Offset haben sowie einen verminderten Abduktionswinkel der Gelenkspfanne und einen größeren Hüftkopfdurchmesser", erläutert Lustig. Schließlich spiele auch die passende Operationstechnik eine wichtige Rolle für erfolgreiche Eingriffe, minimalinvasive Eingriffe seien nicht angezeigt, so Parratte.



Autor: Marcus Sefrin
Chefredakteur DiabetesNews
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Erschienen in: DiabetesNews, 2016; 2016 (4) Seite 10