Brodar KE, Davis EM, Lynn C, Starr-Glass L, Lui JHL, Sanchez J, Delamater AM; Miami, Florida, USA; Pediatr Diabetes 2021 Feb 19. doi: 10.1111/pedi.13193. Epub ahead of print

Fragestellung: Die ISPAD empfiehlt ein routinemäßiges, umfassendes psychosoziales Screening für Jugendliche mit Diabetes. Allerdings haben nur wenige Kliniken Verfahren eingeführt, die mit diesen Empfehlungen übereinstimmen. Diese Studie beschreibt die Ergebnisse eines universellen, umfassenden psychosozialen Screening-Programms in einer integrierten pädiatrischen Diabetesklinik an einem akademischen medizinischen Zentrum.

Studiendesign und Methoden: Die Teilnehmer waren 232 Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes unterschiedlicher Ethnien (55,5 % weiblich; mittleres Alter = 14,85 Jahre; 58,5 % hispanisch; 20 % afro-amerikanisch). Die Jugendlichen beantworteten den Screening-Bogen auf iPads im Wartebereich der Klinik. Zunächst wurden die Anteile der Jugendlichen berechnet, die bei jeder der psychosozialen Fragestellungen einen positiven Screening-Befund aufwiesen. Anschließend wurde in Regressionsanalysen analysiert, ob psychosoziale Variablen die Varianz bezogen auf die Adhärenz bei der Insulintherapie und die glykämische Kontrolle (HbA1c) erklären können.

Ergebnisse: Psychosoziale Belastungen waren unter den Jugendlichen weit verbreitet. Sie reichten von 7 % der Jugendlichen, bei denen es Hinweise auf Essstörungen und Suizidgefährdung gab, bis zu 52 %, die eine geringe Motivation zum Diabetes-Selbstmanagement angaben. Das HbA1c und unzureichende Insulintherapien waren positiv korreliert mit einem Suizidrisiko, depressiven Symptomen, Angst, gestörtem Essverhalten, Diabetes-Stress, Stress bei der Blutzuckermessung, Familienkonflikten und der Gesamtzahl der psychosozialen Belastungen. Demgegenüber war die intrinsische Motivation mit besserer Selbsttherapie und niedrigerem HbA1c verbunden. Das HbA1c ließ sich eindeutig durch Non-Adhärenz bei der Insulintherapie, gestörtes Essverhalten, Diabetes-Stress und Familienkonflikte erklären. Die Qualität der Insulintherapie ließ sich durch das Alter, die Motivation und vorliegende Familienkonflikte vorhersagen. Dreiundachtzig Prozent der in Frage kommenden Jugendlichen füllten den Screening-Fragebogen aus. Nach Einführung des Screening-Programms stiegen die Überweisungen von Ärzten an den Teampsychologen um 25 % an.

Schlussfolgerung: Ein umfassendes psychosoziales Screening kann als Teil der routinemäßigen pädiatrischen Diabetesversorgung effektiv umgesetzt werden. Es kann dazu beitragen, Jugendliche zu identifizieren, die zusätzliche Unterstützungen benötigen.

Kommentar: Während einerseits in vielen aktuellen Studien eindrucksvolle norm-nahe Stoffwechselergebnisse durch Nutzung aktueller Technologien unter den Beteiligten mit Typ-1-Diabetes gezeigt werden, vermitteln diese Ergebnisse ein ganz anderen Bild der realen Welt Jugendlicher mit Diabetes – nicht nur in den USA. Die unzureichende Stoffwechseleinstellung eines beträchtlichen Teils der Jugendlichen ist nicht durch eine schnell zu optimierende Insulintherapie zu erklären, sondern dadurch, dass sie aus vielfältigen psychosozialen Gründen nur eine rudimentäre Behandlung im Alltag umsetzen können. Es ist ein erster wichtiger Schritt, diese Ursachen zu identifizieren, statt eine bereits überfordernde Insulintherapie weiter zu intensivieren. Es stellt sich aber auch die Frage, welche wirksamen Angebote psychosoziale Teammitglieder zur Bewältigung der psychosozialen Belastungen und psychischen Auffälligkeiten machen können. Während Ängste, Depression und auch Distress effektiv behandelt werden können, lassen sich schwierige familiäre Bedingungen, mangelnde Unterstützung sowie kognitive Beeinträchtigungen von Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes kaum beeinflussen. Hier müssen Teams verantwortungsvoll überlegen, welche „einfachen“ Wege der Therapie im individuellen Fall optimal sein können.



Autorin:
Prof. Dr. rer. nat. Karin Lange

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2021; 21 (3) Seite 49