Rosalyn Sussman Yalow begann mit ihrem Kollegen Solomon Berson eine Revolution in der Endokrinologie, als sie in den 50ern die Methode des Radioimmunassays entwickelte und so die Bestimmung von Insulin und anderen Hormonen erstmals ermöglichte.

Rosalyn Sussman Yalow begann einmal eine Vorlesung mit einem ziemlich unbescheidenen Vergleich: Für Menschen der Frühzeit war der Himmel wunderschön, geheimnisvoll und Ehrfurcht gebietend – aber verstehen konnte man ihn erst mithilfe von Tele­skopen. Gleiches galt für die Welt der Bakterien, sie wurde durch das Mikroskop zugänglich. Radio­immunassays (RIA) mit ihren extrem niedrigen Nachweisgrenzen schließlich eröffneten der Wissenschaft und der Medizin ganz neue Welten, indem sie die physiologische Beschaffenheit und Funktion der Menschen sichtbar machten.

Teleskop, Mikroskop, RIA – mit dieser Reihe an bahnbrechenden Erfindungen der Menschheit endete auch Yalows Vorlesung. Sie hielt sie am 8. Dezember 1977 in Stockholm anlässlich der Verleihung des ­Medizin-Nobelpreises an sie für die Entwicklung eben dieser radio­chemischen Analyse­technik. Genauer gesagt erhielt sie einen halben Nobelpreis, die andere Hälfte ging 1977 an Roger Guillemin und Andrew Schally für ihre Arbeiten zur Peptidhormonproduktion des Gehirns. Auch Yalows Preisanteil hätte eigentlich geteilt werden müssen, darauf wies sie in ihrer ­Rede hin.

Doch anders als beim ­Nobelpreis für die Insulinentdeckung 1923, der nur an Banting und Macleod und nicht an Best und Collip ging, hinterließ diese Unterlassung kein böses Blut: Solomon Berson, mit dem Yalow 22 Jahre lang zusammen forschte und der einen gleichen Anteil an der Entwicklung des RIA hatte, war 1972 plötzlich an einem Herzinfarkt verstorben. Und der Nobelpreis wird nur an Lebende verliehen.

Forschungsobjekt Insulin

Yalows Nobelpreis von 1977 steht aber auch in direktem Zusammenhang mit dem von Banting und Macleod: Als Berson und Yalow anfingen, ihre Methoden der radioaktiven Markierung an Hormonen einzusetzen, war das in der Diabetestherapie eingesetzte Insulin das am leichtesten in Reinform erhältliche Hormon. Yalow hatte aber auch eine persönliche Verbindung zum Dia­betes: Ihr Mann Aaron litt daran. So wie sie in früheren Arbeiten den Iod-Metabolismus mit Iod-Isotopen untersucht hatten, widmeten ­Yalow und Berson sich jetzt dem Metabolismus von subkutan appliziertem Rinderinsulin – Humaninsulin als Medikament gab es noch nicht.

Sie stellten fest, dass das mit Iod-125 markierte Insulin bei Patienten mit Typ-2-Diabetes, die bereits länger mit Insulin behandelt worden waren, länger im Körper verblieb als bei gesunden Probanden. Die Forscher erkannten, dass die Diabetespatienten Anti­körper gegen das Rinderinsulin gebildet hatten und das applizierte Insulin deswegen länger im Körper verblieb. Bis dahin dachte man nicht, dass so relativ kleine Moleküle eine Immunreaktion auslösen könnten, kein Geringerer als Linus Pauling hatte das postuliert.

Die Publikation ihrer Ergebnisse im Journal of ­Clinical ­Investigation 1956 wurde daher erst akzeptiert, als die Wissenschaftler den Begriff „Insulin-­Antikörper“ daraus gestrichen hatten. Den entsprechenden Brief zeigte Yalow genüsslich in ihrer Nobel-Vorlesung …

Diese neu entdeckte Antigen–­Antikörper-Reaktion entwickelten ­Yalow und Berson weiter, sodass sie zur Bestimmung der Insulinspiegel im Blut verwendet werden konnten. Mit ihrer Methode fand Yalow, dass Menschen mit Typ-2-Diabetes entgegen damaliger Annahme nicht weniger, sondern mehr Insulin als Gesunde produzierten – heute ist diese Insulinresistenz zentraler Bestandteil der Pathophysiologie des Typ-2-Diabetes. Die Methode des Radioimmunassays wurde für unzählige andere Analyten eingesetzt – Yalow und Berson erkannten das früh, patentierten sie aber mit voller Absicht nicht.

Über Umwege zur Promotion

Rosalyn Sussman Yalow wurde am 19. Juli 1921 in New York geboren, ihre Mutter Clara Zipper war im Alter von vier Jahren aus Deutschland eingewandert. Yalow zeigte früh ihr mathematisches Talent, ein Highschoollehrer begeisterte sie erst für Chemie, ein Collegedozent gewann sie für die Physik. Anfang 1939 hörte sie während des Collegestudiums eine Vorlesung von Enrico Fermi über die kürzliche Entdeckung der Kernspaltung – die Begeisterung für die Kernphysik war geweckt. Als Graduate Student ging sie an die Universität Illinois in Champaign-­Urbana – als einzige Frau unter 400 Dozenten ihrer Fakultät und erste Frau seit 1917.

Tatsächlich zwangen die damaligen Zeiten die hochbegabte und motivierte Wissenschaftlerin zu einem Umweg zu diesem Studienplatz: Auf Vermittlung eines College-­Professors erhielt Yalow eine Stelle als Sekretärin des Bio­chemikers Dr. Rudolf Schoen­heimer am ­College of ­Physicians and Surgeons der ­Columbia University, die eine Hintertür zu den dortigen Unikursen öffnen sollte. Voraussetzung: Sie musste Stenografie lernen. Yalow benötigte das „Glück“ der Vorbereitungen der USA auf den Eintritt in den Zweiten Weltkrieg, um ohne solche Tricks direkt einen Platz in Illinois zu erhalten: Die Männer wurden in Scharen in die Armee eingezogen, um den Unibetrieb aufrechtzuerhalten, konnten Frauen nachrücken.

Im Januar 1945 promovierte Yalow in Kernphysik. Ab 1947 baute sie am Bronx VA Hospital der US-Veteranenbehörde ein Forschungsprogramm zur medizinischen Verwendung radioaktiver Substanzen auf, 1950 gab sie ihre parallele Lehrtätigkeit an ihrem früheren College auf und forschte in Vollzeit. Im selben Jahr stieß auch Berson zu der Radioisotopen-­Gruppe am Bronx VA Hospital.

Langer Weg der Gleichberechtigung
Yalows Auszeichnung 1977 war erst der zweite Medizinnobelpreis für eine Frau. 1947 hatte die in Prag geborene Gerty Theresa Cori den Preis zusammen mit ihrem Mann Carl und Bernardo Alberto Houssay erhalten für die Entdeckung des nach ihnen benannten Cori-Kreislaufs von Glukose und deren Abbauprodukten zwischen Skelettmuskel und Leber. Gerty Cori erhielt erst im gleichen Jahr, in dem sie den Nobelpreis bekam, eine Professur für Biochemie.

Nach Bersons Tod benannte Yalow das Forschungsinstitut am Bronx VA Hospital in Solomon A. ­Berson Research Laboratory um, damit sein Name auch bei allen ihren weiteren Publikationen erschien. Sie forschte an dem Institut bis zu ihrem Ruhestand 1991 weiter. Nicht wenige in der Fachwelt dachten, dass nach dem Tod des als „Gehirn“ des Forschungsduos angesehenen Berson aus der Arbeitsgruppe keine neuen Erkenntnisse mehr zu erwarten seien.

Auch den Nobelpreis für die gemeinsamen Forschungen hielt man nach Bersons Tod für zumindest gefährdet. Tatsächlich veröffentlichten Yalow und ihr Team allein zwischen Bersons Tod und dem Nobelpreis rund 60 Paper. ­Rosalyn Sussman Yalow starb am 30. Mai 2011 in New York.

Serie „100 Jahre Insulin“ – die bislang erschienenen Beiträge:


Autor: Marcus Sefrin
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Erschienen in: DiabetesNews, 2021; 20 (4) Seite 18