Der US-amerikanische Arzt George Minot erhielt 1934 den Medizinnobelpreis für die erfolgreiche Behandlung der perniziösen Anämie. Das wäre ihm nicht gelungen ohne eine andere mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Entdeckung: Minot hatte 1921 Typ-1-Diabetes bekommen.

Die Entdeckung des Insulins vor 100 Jahren durch die Arbeitsgruppe um Banting, Best, Collip und Macleod in Toronto hat nicht nur Medizingeschichte geschrieben, sondern ganz konkret das Leben von Millionen Menschen beeinflusst oder überhaupt erst ermöglicht. Allein für das Mutterland des Insulins, Kanada, hat der kanadische Endokrinologe Prof. Hertzel Gerstein errechnet, dass ohne Insulin bis zu 360.000 Menschen in dem Land mit heute 38 Millionen Einwohnern nicht geboren worden wären.

Doch Zahlen können kaum widerspiegeln, was der Welt alles fehlen würde, wenn das lebensrettende Insulin nicht in die Diabetestherapie Einzug gehalten hätte. Ein ganz konkretes und auch dramatisch unmittelbares Beispiel ist George Minot. Der US-amerikanische Internist erhielt 1934 den Medizinnobelpreis – und litt seit 1921 an Typ-1-Diabetes!

George Richards Minot wurde am 2. Dezember 1885 in Boston geboren und lebte in der Ostküsten­metropole fast die ganze Zeit ­seines Lebens. Er entstammte einer renommierten Ärztefamilie Neuenglands, machte 1912 seinen Abschluss in Medizin an der Harvard Medical School und ging ans Massachusetts General Hospital in Boston. Es folgte ein Aufenthalt an der Johns Hopkins University in Baltimore bis 1915, dann kehrte Minot wieder nach Boston zurück, bereits mit dem Forschungsschwerpunkt Blut.

Zwischen 1915 und 1925 widmete er sich hierbei vor allem der perniziösen Anämie. 1921 wurde Minot in die Redaktion des Boston Medical and Surgical Journal, aus dem das New England Journal of Medicine werden sollte, berufen; er blieb dort bis 1943.

Diabetesdiagnose mit 35

Im selben Jahr, 1921, wurde Minot, damals 35 Jahre alt, krank; er verlor an Gewicht und wog bei seiner Größe von 1,86 Metern nur 61 Kilogramm. Im Oktober wurde Zucker im Urin festgestellt. Niemand Geringeres als der Vater der modernen Diabetestherapie, der ebenfalls in Boston ansässige Dr. ­Elliot ­Procter Joslin, behandelte ihn, und zwar mit der bis dahin einzigen Therapie des Typ-1-Dia­betes: einer extrem restriktiven Diät mit gerade einmal 530 Kalorien pro Tag, 70 Gramm Kohlenhydraten, 80 Gramm Protein und 130 Gramm Fett.

Damit schaffte Joslin, dass Minot immerhin in den nächsten 16 Monaten nur fünf weitere Pfund Gewicht verlor – und lange genug am Leben blieb, um Anfang 1923 als einer der ersten mit Insulin behandelt zu werden. Nach ihren ersten vielversprechenden Hundeversuchen im Sommer 1921 waren ­Banting und Best in genau dem Oktober 1921, in dem Minot diagnostiziert wurde, mit weiteren Experimenten zur Isolierung von Pankreasextrakten beschäftigt, im Dezember kam der Biochemiker Collip mit ins Boot, im Januar 1922 wurden ihre Extrakte im Toronto General Hospital an Leonard Thompson als ersten Patienten gegeben.

Dank der Insulinbehandlung konnte Minot seine Forschungen wieder aufnehmen. Perniziöse Anämie nahm zu dem Zeitpunkt wie auch Typ-1-Diabetes einen tödlichen Verlauf. Die Idee, den „Blutmangel“ mit Diäten zu behandeln, war nicht neu, verschiedene Ernährungstherapien waren postuliert worden, aber stets eher allgemeiner Natur. Fleisch spielte darin teilweise wegen der naheliegenden Verbindung zu Blut und Proteinen eine Rolle, die Bedeutung des Eisengehalts wurde diskutiert. Ende des 19. Jahrhunderts hatte Fraser mit einigem Erfolg eine Ernährung mit Knochenmark bei perniziöser Anämie eingesetzt.

Grundlegende Arbeit von Whipple

Anfang der 1920er-Jahre schließlich hatte der US-amerikanische Pathologe George H. Whipple an der University of Rochester herausgefunden, dass Hunde mit perniziöser Anämie durch Fütterung mit roher Leber erfolgreich behandelt werden können. Diese Ernährung erforschten Minot und William P. Murphy in Boston an menschlichen Patienten. 1926 berichteten sie auf dem Kongress der Association of American Physicians von ihrer Arbeit, sie wurde im gleichen Jahr im Jama publiziert.

45 Patienten mit perniziöser Anämie nahmen täglich eine Diät zu sich, deren Hauptbestandteil ein halbes Pfund nur leicht gekochte Kalbs- oder Rinderleber war. Andere Charakteristika waren viele Früchte, frisches Gemüse und wenig Fett. Unter dieser Diät zeigten die Patienten eine schnell eintretende Remission der Anämie mit ausgeprägter Verbesserung der Symptome. Die Anzahl der roten Blutkörperchen stieg von im Mittel 1.470.000 pro Kubikmilliliter vor Beginn der Therapie auf 3.400.000 nach einem Monat.

Minot erhielt 1934 zusammen mit Murphy und Whipple den Medizinnobelpreis für die Behandlung der perniziösen Anämie mit dieser Leberdiät. Erst 1948 wurde der „antiperniziöse Faktor“ im Lebergewebe isoliert, das Molekül wurde Vitamin B12 genannt. 1955 konnte die britische Biochemikerin ­Dorothy C. ­Hodgkin mithilfe der Röntgen­beugung an Cyanocobalamin-Einkristallen die Molekülstruktur von Vitamin B12 aufklären, wofür sie 1964 mit dem Nobelpreis für Chemie geehrt ­wurde. Hodgkin optimierte die Röntgen-Strukturanalyse immer weiter und konnte 1969 erstmals auch die dreidimensionale Molekülstruktur des Insulins aufklären.

Für die Entscheidung, ob er an der Nobelpreis-Zeremonie teilnehmen sollte, fragte Minot bei Banting persönlich, wie denn die Qualität des Insulins in Schweden sei. Nach dessen Zusicherung, dass sie exzellent sei, reiste Minot nach Stockholm.

Minot entwickelte 1940 Diabeteskomplikationen und erlitt 1947 einen schweren Schlaganfall, der ihn teilweise lähmte. Er starb am 25. Februar 1950 in Brookline, Massachusetts. Sein Nachruf im New England Journal of Medicine ist mit „E. P. J.“ unterschrieben. Es ist zwar nicht mehr nachvollziehbar, dass er wirklich von Joslin verfasst wurde, aber da in dem Nachruf der genaue Tag der Diabetesdiagnose und sogar die anfängliche strenge Diät erwähnt sind, liegt es doch sehr nahe. Auch Joslin starb übrigens in Brookline, allerdings erst 1962. Und damit ein Jahr vor dem berühmtesten Sohn der fast völlig von Boston umschlossenen Stadt – John F. Kennedy.

Serie „100 Jahre Insulin“ – die bislang erschienenen Beiträge:


Autor: Marcus Sefrin
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Erschienen in: DiabetesNews, 2021; 20 (3) Seite 9