van Kempen AAMW, Eskes PF, Nuytemans DHGM, van der Lee JH, Dijksman LM, van Veenendaal NR, van der Hulst FJPCM, Moonen RMJ, Zimmermann LJI, van ‚t Verlaat EP, van Dongen-van Baal M, Semmekrot BA, Stas HG, van Beek RHT, Vlietman JJ, Dijk PH, Termote JUM, de Jonge RCJ, de Mol AC, Huysman MWA, Kok JH, Offringa M, Boluyt N; HypoEXIT ­Study Group; Amsterdam, Die Niederlande; N Engl J Med 2020; 382: 534 – 544

Fragestellung: Weltweit gibt es viele Neugeborene, die zu früh geboren werden, zu klein oder zu groß sind bei der Geburt oder von Müttern geboren werden, die einen Diabetes haben. Sie werden auf Hypoglykämie untersucht mit dem Ziel, Hirnschäden zu vermeiden. Es gibt jedoch keinen Konsens, was den Grenzwert betrifft, ab dem eine Hypoglyämie behandelt werden soll, und die nicht in einer Übertherapie resultiert.

Methodik: Untersucht wurden in einer multizentrischen, randomisierten, nicht-Unterlegenheitsstudie 689 ansonsten gesunden Neugeborenen, die in der 35. Schwangerschaftswoche oder später geboren wurden und ein erhöhtes Risiko für Hypoglykämie aufwiesen. Die Autoren verglichen zwei Grenzwerte ab denen die asymptomatische moderate Hypoglykämie behandelt wurde. Gewählt wurde die untere Glukoseschwelle von < 36 mg/dl [2,0 mmol/l]). Die Autoren wollten herausfinden, ob eine Managementstrategie, die einen niedrigeren Schwellenwert verwendet (Behandlung bei einer Glukosekonzentration von <36 mg/dl[2,0 mmol/l]), einem herkömmlichen Schwellenwert (Behandlung bei einer Glukosekonzentration von <47 mg) nicht unterlegen ist pro Deziliter [2,6 mmol/l]) in Bezug auf die psychomotorische Entwicklung nach 18 Monaten. Untersucht wurde dies mit den „Bayley Scales of Infant and Toddler Development, third edition, Dutch version“ (Bayley-III-NL; mit Scores von 50 bis 150 [Mittelwert {±SD}, 100 ± 15]), wobei höhere Scores eine bessere Entwicklung bedeuteten und 7,5 Punkte (die Hälfte der SD) einen klinisch wichtigen Unterschied aufzeigen. Die niedrigere Schwelle wurde als nicht-unterlegen eingestuft, wenn die Scores weniger als 7,5 niedriger waren als die Scores in der traditionellen Schwellengruppe.

Ergebnisse: Die Bayley-III-NL-Scores wurden bei 287 der 348 Kinder (82,5 %) in der niedrigeren Grenzwertgruppe und bei 295 der 341 (86,5 %) in der traditionellen Grenzwertgruppe untersucht. Kognitive und motorische Scores waren in beiden Gruppen ähnlich (Mittlere Scores [±SE] 102,9 ± 0,7 [kognitiv] und 104,6 ± 0,7 [motorisch] in der niedrigeren Grenzwertgruppe und 102,2 ± 0,7 [kognitiv] und 104,9 ± 0,7 [motorisch] in der traditionellen Grenzwert-Gruppe). Die präspezifizierte Unterlegenheitsgrenze wurde nicht überschritten. Die mittlere Glukosekonzentration lag bei 57 ± 0,4 mg/dl (3,2 ± 0,02 mmol/l) in der niedrigeren Grenzwertgruppe und bei 61 ± 0,5 mg/dl (3,4 ± 0,03 mmol/l) in der traditionellen Grenzwertgruppe. Seltener und weniger schwere hypoglykämische Episoden ereigneten sich in der traditionellen Grenzwertgruppe, allerdings gab es in dieser Gruppe häufiger invasive Diagnostik und Behandlungsinterventionen. Schwere unerwünschte Ereignisse inklusive Krampfanfälle (bei Normoglykämie) bei einem Neugeborenen und ein Todesfall ereigneten sich in der niedrigeren Grenzwertgruppe.

Schlussfolgerung: Bei ansonsten gesunden Neugeborenen mit asymptomatischer moderater Hypoglykämie war der niedrigere Grenzwerte für Glukose (36 mg/dl) non-inferior zum traditionellen Grenzwert (47 mg/dl), bezogen auf die pyschomotorischen Entwicklung im Alter von 18 Monaten. (Funded by the Netherlands Organization for Health Research and Development; HypoEXIT Current Controlled Trials number, ISRCTN79705768.).

Kommentar: Hypoglykämien bei Neugeborenen sind häufig und können zur Schädigung des Gehirns führen. Da diese häufig asymptomatisch verlaufen, werden 30 % der Neugeborenen in den ersten 24 bis 36 Stunden hierauf gescreent. Tatsächlich zeigten Glukosekonzentrationen bei Neugeborenen mit mindestens 2 000 g Gewicht und der Geburt ab der 35. Schwangerschaftswoche von mindestens 36 mg/dl ähnliche Ergebnisse in der Entwicklung der Neugeborenen wie eine Schwelle von mindestens 47 mg/dl. Die Autoren diskutieren die Ergebnisse ausführlich und weisen darauf hin, dass diese vermutlich bald in die Leitlinien aufgenommen werden, jedoch in jedem Fall individuell entschieden werden sollte.



Autorin: Prof. Dr. med. Nanette Schloot
Deutsches Diabetes-Zentrum DDZ
Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung
an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Auf'm Hennekamp 65
40225 Düsseldorf

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2020; 20 (2) Seite 42