Bei der gesunden Ernährung kämpft oft die Gesundheitswissenschaft gegen die Lebensmittelwirtschaft. Dass es auch anders geht, zeigt das Berlin-Brandenburger Verbundprojekt NutriAct: Seit 2015 werden dort gesunde Lebensmittel zusammen mit Unternehmen entwickelt und getestet.

An dem der Diabetologie nicht ganz unbekannten Ziel, den Gesundheitsstatus der Bevölkerungsgruppe „50 plus“ zu verbessern, haben in den letzten sechs Jahren 12 wissenschaftliche Einrichtungen und mehr als 20 kleinere und mittlere Unternehmen im Rahmen von „NutriAct“ gemeinsam gearbeitet. So heißt ein in der Region Berlin/Potsdam etablierter Kompetenzcluster der Ernährungsforschung.

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit insgesamt zwölf Millionen Euro geförderte Verbundprojekt erarbeitet seit 2015 interdisziplinär die wissenschaftliche Basis für altersgerechte Ernährungsinterventionen und -empfehlungen für die Fünfzig- bis Siebzigjährigen und erforscht Strategien für deren erfolgreiche Umsetzung. Hierfür entwickeln die Forscher unter anderem neue Produkte für eine altersgerechte und gesunde Ernährung, die das Risiko für altersbezogene Zivilisationskrankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken kann.

„Das Herzstück von NutriAct ist unsere Ernährungsstudie, bei der sich 500 Probandinnen und Probanden über einen Zeitraum von drei Jahren an ein spezielles NutriAct-Ernährungsmuster halten und engmaschig in unseren Studienzentren an der Berliner Charité und dem Dife betreut, beraten und untersucht werden“, erklärt Prof. Tilman Grune, wissenschaftlicher Vorstand am Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (Dife). So verzehren die Teilnehmenden im Vergleich zu den aktuellen Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung mehr pflanzliche Proteine und mehr ungesättigte Fettsäuren.

Neue Produkte für Ernährungsumstellung

Damit die Studienteilnehmer das neue Ernährungsmuster auch langfristig beibehalten, haben sich Forscher im Rahmen des Projekts der Frage gewidmet, wie man Technologien für neue Produkte entwickeln oder für bekannte und beliebte Lebensmittel so modifizieren kann, dass sie einerseits das NutriAct-Nährstoffprofil aufweisen und andererseits schmackhaft sind. Die Forscherteams entwickelten neben Gemüsebroten, Erbsenflakes und Brühwürfeln ohne Palmöl auch Joghurtalternativen, die sich zum Beispiel durch gesundheitlich vorteilhafteres Rapsöl als Ersatz zum Milchfett und eine Anreicherung mit Ballaststoffen und Erbsenprotein auszeichnen.

„Es war ein langwieriger und herausfordernder Prozess, Technologien für Produkte zu entwickeln, die dauerhaft vom Verbraucher, vor allem auch wegen ihrer sensorischen Eigenschaften, akzeptiert werden können. Das konnten wir aber dank der Unterstützung unserer Wirtschaftspartner gut umsetzen“, berichtet Prof. Cornelia Rauh, Leiterin des Teilprojekts „Neue Produkte“. So kooperierten die Forscher zum Beispiel mit dem Brandenburger Unternehmen Herbafood Ingredients GmbH, dem Berliner Start-up Vly Foods – VF Nutrition GmbH sowie dem Unternehmen ADM Wild Europe GmbH & Co. KG.

Beispiel neuer Produkte, die dem Nutriact-Ernährungsmuster entsprechen

Einige Lebensmittel, die dem NutriAct-Verzehrmuster entsprechen, sind bereits für Verbraucher erhältlich. So bietet die Brandenburger Kanow-Mühle das Ölmüller-Müsli an, das auch Hanfsamen, Kürbiskerne und Sonnenblumenkerne enthält und somit reich an Ballaststoffen, Proteinen und gesunden Fetten ist.

Trotz Corona haben bisher 280 Probanden die NutriAct-Ernährungsstudie erfolgreich abgeschlossen. In Daten der ersten zwölf Monate fanden die Forscher, dass sich das NutriAct-Ernährungsmuster vorteilhaft auf den Leberfettgehalt sowie den Fett- und Zuckerstoffwechsel auswirkt. Die während der Studie gesammelten Blutproben werden zudem auf neue Biomarker untersucht, die Hinweise auf die Ernährungsweise geben und mit dem Risiko für bestimmte Erkrankungen zusammenhängen können. Dazu kooperieren die Wissenschaftler mit dem Unternehmen Medipan, um Sofortanwendungskits zur Untersuchung bestimmter Biomarker zu entwickeln.



Autor: Marcus Sefrin
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Erschienen in: DiabetesNews, 2021; 20 (4) Seite 5