Kirchhoff BA, Jundt DK, Doty T, Hershey T; Saint Louis, Missouri, USA

Einführung: In Querschnittstudien wurden veränderte kognitive Leistungen bei jungen Menschen mit Typ-1-Diabetes (T1DM) festgestellt. Demgegenüber gibt es nur wenige Längsschnittstudien, in denen Beeinträchtigungen der kognitiven Funktion über die Zeit untersucht wurden. Die vorliegende Studie verglich die Veränderungen kognitiver Leistungen von jungen Menschen mit T1DM longitudinal mit den Leistungen ihrer gesunden Geschwister als Kontrollgruppe. Außerdem wurde untersucht, wie die Qualität der Stoffwechseleinstellung und das Diagnosealter die kognitive Funktion über die Zeit beeinflussen.

Methodik: Die Autoren untersuchten die kristalline Intelligenz, die visuell-räumliche Funktion, die verzögerte Gedächtnisleistung und die Verarbeitungsgeschwindigkeit zu drei Zeitpunkten. Dazu wurden jeweils die gleichen kognitiven Aufgaben von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes als auch von deren gesunden Geschwistern bearbeitet. Mit Hilfe eines hierarchischen linearen Modells wurden die Beziehungen zwischen dem Vorliegen eines Diabetes, einer Hyperglykämie (HbA1c-Werte), dem Diagnosealter und den kognitiven Leistungen über 5,5 Jahre analysiert.

Ergebnisse: Über die Zeit zeigten Kinder und Jugendliche mit T1DM geringere Leistungen als die Kontrollen bezogen auf ihre visuell-räumliche Funktion und die Gedächtnisaufgaben. Außerdem verbesserten sie sich weniger ausgeprägt in der Verarbeitungsgeschwindigkeit. Zu allen Zeitpunkten war eine verstärkte Hyperglykämie assoziiert mit geringerer kristalliner Intelligenz und geringerer Verarbeitungsgeschwindigkeit, jedoch auch mit besseren Gedächtnisleistungen. Es zeigte sich weiterhin eine engere negative Beziehung zwischen dem Grad der Hyperglykämie und der visuell-räumlichen Funktion bei Kindern und Jugendlichen mit früher Dia­betesdiagnose gegenüber denen mit späterem Dia­betesbeginn. Hervorzuheben ist, dass die Reduktion der Hyperglykämie bezogen auf einzelne Teilnehmer mit verbesserter visuell-räumlicher Funktion und höherer Verarbeitungsgeschwindigkeit assoziiert war.

Schlussfolgerung: Im Mittel blieben die Unterschiede in kognitiven Leistungen zwischen Kindern und Jugendlichen mit T1DM und deren stoffwechselgesunden Geschwistern erhalten oder verstärkten sich in Kindheit und Jugend. Anhaltende Hyperglykämien und ein frühes Diagnosealter können negative Einflüsse auf den Entwicklungsverlauf kognitiver Prozesse bei jungen Menschen mit Typ-1-Diabetes haben. Allerdings kann auch angenommen werden, dass Therapien, die zu einer Reduktion der Hypoglykämie führen, die kognitive Funktion junger Menschen mit Typ-1-Diabetes verbessern können.

Kommentar: Der ungünstige Einfluss einer anhaltenden Hyperglykämie auf die kognitive Entwicklung von Kindern mit Typ-1-Diabetes wurden bereits seit den 1980er Jahren von E. Schönle in einer mehrjährigen Längsschnittstudie untersucht und beschrieben. Die aktuellen Ergebnisse sind insoweit relevant, als sie im individuellen Längsschnitt zeigen, dass die Beeinträchtigungen durch eine stabilere Stoffwechseleinstellung aufgefangen werden können. Sie zeigen aber auch, wie nachhaltig eine unzureichende Therapie – wie bei vielen Kindern in dieser Studie – deren weiteres Schicksal bestimmen kann. Hier ist insbesondere bei kleinen Kindern mit Diabetes eine intensive Unterstützung für deren Eltern erforderlich, um diese zu einer bestmöglichen Therapie zu befähigen, ohne sie gleichzeitig durch überzogene Ängste zu verunsichern.



Autorin: Prof. Dr. rer. nat. Karin Lange
Diplom-Psychologin, Fachpsychologin Diabetes DDG
Medizinische Hochschule Hannover (MHH)
Carl-Neuberg-Str. 1
30625 Hannover

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2016; 16 (4) Seite xx-xx