Ferrannini G, De Baquer D, De Backer G, Kotseva K, Mellbrin L, Wood, D, Rydén L für die EUROASPIRE V Arbeitsgruppe; Department of ­Medical Sciences, Postgraduate School of Internal Medicine, University of Turin, Turin, Italien; Diabetes Care 2020; 43: 726 – 733

Fragestellung: Dysglykämie, in dieser Untersuchung definiert als gestörte Glukosetoleranz (IGT) oder Typ-2-Diabetes, ist häufig bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit (CAD) und assoziiert mit ungünstiger Prognose. Diese europäische Studie untersuchte ein Screening auf Dysglykämie und das Risikomanagement von Patienten mit CAD in Bezug auf Standards der Europäischen Leitlinien für kardiovaskulär kranke Menschen.

Methodik: Das European Observational Research Programme (ESC EORP) der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie, das European Action on Secondary and Primary Prevention by Intervention to Reduce Events (EUROASPIRE) V (2016 – 2017), schloss 8 261 CAD-Patienten im Alter von 18 – 80 Jahren aus 27 Ländern ein. Wenn der glykämische Status unbekannt war, wurden die Patienten einem oralen Glukosetoleranz-Test (oGTT) unterzogen und es wurde das HbA1c gemessen. Lebensstil, Risikofaktoren und pharmakologisches Management wurden erfasst.

Ergebnisse: Insgesamt 2 452 Patienten (29,7 %) hatten einen bekannten Diabetes. Ein oGTT wurde bei 4 440 Patienten mit unbekanntem glykämischen Status durchgeführt, davon waren 41,1 % dysglykämisch. Ohne den oGTT wären 30 % der Patienten mit Typ-2-Diabetes und 70 % derjenigen mit IGT unentdeckt geblieben. Das Vorhandensein einer Dysglykämie verdoppelte sich annähernd auf das wahre Ausmaß nach dem Screening im Vergleich zum selbstberichteten Anteil. Nur ungefähr ein Drittel aller Koronarpatienten wiesen einen völlig normalen Glukosestoffwechsel auf. Von den Patienten mit bekanntem Diabetes wurden 31 % angewiesen, eine Diabetesklinik aufzusuchen, was nur 24 % umsetzten. Nur 58 % der dysglykämischen Patienten wurden alle kardioprotektiven Medikamente verschreiben, die Anwendung von Natrium-Glukose-Kotransporter-2-Inhibitoren (3 %) oder Glucagon-like-peptide-1- Rezeptoragonisten (1 %) war gering.

Schlussfolgerung: Für beides, ein Screening und das Management von Patienten mit CAD und Dysglykämie, werden dringend Maßnahmen benötigt, in der Erwartung einer substantiellen Risikoreduktion weiterer kardiovaskulärer Ereignisse, der Diabeteskomplikationen und einer längeren Lebenserwartung.

Kommentar: Diabetes und CAD sind miteinander verbunden, viele Patienten mit CAD weisen einen gestörten Kohlenhydratstoffwechsel auf (> 60 %). Bei Patienten mit gestörtem Kohlenhydratstoffwechsel ist das CAD-Risiko 2 – 4x höher als in der Allgemeinbevölkerung. Schon 2009 hatten deshalb die Europäische Diabetes-Gesellschaft (EASD) und die European Society of Cardiology (ESC) ein Konsensuspapier verfasst, das empfiehlt, alle CAD-Patienten auf das Vorliegen einer diabetischen Stoffwechselstörung und alle Patienten mit einem gestörten Kohlenhydratstoffwechsel auf eine bestehende CAD zu untersuchen. Diese absolut notwendige Empfehlung wird bislang nicht ausreichend umgesetzt, wie die vorliegende Untersuchung belegt. Diese Studie hebt auch noch einmal die Bedeutung des oGTT hervor, der Patienten mit IGT und Typ-2-Diabetes besser identifizierte als der HbA1c-Wert und die Nüchternglukose. Die Resultate dieser Studie erinnern an und ähneln sehr den Ergebnissen der alten DECODE-Studie, die in Europa Anfang der 90er Jahre stattfand als Reaktion auf die von den USA ausgehenden Bestrebungen, den oGTT als diagnostisches Instrument in der Diabetologie fallen zu lassen. Erstaunlich sind auch das nur bei etwas mehr als der Hälfte der CAD-Patienten korrekt angepasste pharmakologische Risikomanagement und die geringe Verordnung von SGLT-2-Inhibitoren und GLP-1-RA bei diesen kardiovaskulär gefährdeten Patienten in der Sekundärprävention, trotz der kardioprotektiven Effekte dieser Substanzen. Es braucht immer Zeit bis gewohnte Trampelpfade verlassen werden.



Autorin: Priv.-Doz. Dr. med. Kornelia Konz
Ärztin für Innere Medizin, Endokrinologie, Diabetologie Ernährungsmedizin
DKD HELIOS Klinik
Aukammallee 33
65191 Wiesbaden

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2020; 20 (3) Seite 42