Virtuelle Sprechstunden, Artificial pancreas, maßgeschneiderte Therapie- und Präventionsangebote durch Big Data: Die Digitalisierung wird die Diabetologie radikal verändern - davon sind die Vertreter des Zukunftsboards Digitalisierung (zd) überzeugt. Mit Unterstützung der BERLIN-CHEMIE AG will das zd die Digitalisierung der Diabetologie voranbringen. Die Initiative von Experten aus Diabetologie und Gesundheitswesen hat sich und ihre Projekte jetzt im Rahmen einer Online-Pressekonferenz vorgestellt.

„Durch die fortschreitende Digitalisierung und moderne Technologien verändert sich die Diabetestherapie sehr rapide“, betont Prof. Dr. Bernhard Kulzer, Bad Mergentheim. „Unsere Aufgabe als Board ist es herauszufinden, wo die Potenziale sind, aber auch wo die Barrieren für die Umsetzung liegen.“ Die neun Experten aus unterschiedlichen Bereichen – Ärzte, ein Psychologe, Vertreter einer Krankenkasse und eine Patientin – treffen sich regelmäßig und stoßen neue Projekte an.

„Wir versuchen, quer zu denken und nicht nur den Status quo zu reflektieren, sondern wir wollen in die Zukunft schauen,“ so Kulzer. Hierzu werden aktuelle Trends identifiziert, anhand konkreter Beispiele aufgearbeitet und ihr Nutzen für die Praxis bewertet.

Neue Technologien: Wichtige Trends im Auge behalten

Prof. Dr. Lutz Heinemann, Neuss, erläutert: „In Zukunft wird es Systeme geben, die eine Entscheidungshilfe für die Patienten bedeuten. Diese Systeme sammeln Daten aus dem Alltag der Patienten – wie Glucosewerte – und bringen sie beispielsweise mit Bewegungsdaten zusammen. Die Daten werden dann so verarbeitet, dass Patienten konkrete Hinweise erhalten, wie sie ihren Lebensalltag verändern oder welche Medikamente sie einsetzen können.“ Bislang würden solche Entscheidungshilfen hierzulande eher wenig genutzt. „Deutschland zählt absolut zu den Schlusslichtern bei solchen Entwicklungen“, so Heinemann.

Apps: In der Diabetologie noch wenig eingesetzt

Im Bereich der Diabetologie werden Apps bei Sensoren, in Ansätzen bei Pumpen und teilweise bei Blutzuckermesssystemen eingesetzt. „Die Benutzung einer App hat für den Patienten den Vorteil, dass die Daten in einer Cloud gespeichert werden und dort jederzeit und von jedem Ort, wo Internetzugang besteht, analysiert werden können“, erklärt Dr. Winfried Keuthage, Diabetologe aus Münster. Auf die Daten aus der Cloud können nicht nur Patienten, sondern auch die Diabetesberatung und der Arzt zugreifen, um die Therapie zu optimieren – sofern der Patient zugestimmt hat.

Obwohl Apps den Diabetesteams viele Vorteile bringen könnten, würden sie in der Praxis noch wenig eingesetzt. „Das liegt vor allem daran, dass der Einsatz solcher Systeme mit einem sehr hohen Zeitaufwand verbunden ist, der für viele Diabetesteams momentan einfach nicht zu leisten ist“, so Keuthage.

Auch die digitale Arztpraxis kommt

Die gewohnten Abläufe in Arztpraxen wird die Digitalisierung radikal verändern – sowohl im Bereich der Patientenversorgung als auch in der Verwaltung. Eines der großen Probleme auf dem Weg dorthin ist, so Dr. Hansjörg Mühlen, Diabetologe aus Duisburg, „die Interoperabilität der verschiedenen Devices, da hier jede Firma ihr eigenes Programm hat“. Momentan könnten deshalb die verschiedenen Programme nicht miteinander kommunizieren oder Daten austauschen, sondern müssten erst umständlich zusammengeführt werden.

Auch von althergebrachten Praxisverwaltungssystemen müsse man sich über kurz oder lang verabschieden, da diese nicht für die Digitalisierung ausgestattet seien, so Mühlen. Darüber hinaus würden in absehbarer Zeit Patientendaten digital so erfasst, dass alle Beteiligen im Gesundheitswesen darauf zugreifen können. „Durch die Nutzung dieser Daten könnten unterschiedliche Typen von Diabetes identifiziert werden“, sagte Mühlen. Dadurch könne der Diabetes zukünftig differenzierter behandelt werden.

Digitalisierungs- und Technologiereport Diabetes 2019

Der Digitalisierungs- und Technologiereport Diabetologie (D.U.T) informiert über neue Entwicklungen im Bereich Digitalisierung und Technologie (2). Der erste Teil fasst eine Umfrage unter Diabetologen zusammen. Die Ergebnisse zeigen, dass sie neuen Technologien gegenüber sehr positiv eingestellt sind und sich dadurch eine Verbesserung der Diabetestherapie erhoffen.

Allerdings sehen die befragten Diabetologen auch Barrieren, die eine schnelle Verbreitung digitaler Formen der Diabetestherapie verhindern. Die Befragung soll jährlich wiederholt werden, um Entwicklungstrends abbilden zu können. Im zweiten Teil des Reports stellen Autoren verschiedene Themenfelder der Digitalisierung vor. Ziel ist es, praxistaugliche Lösungen vorzustellen, die zukünftig Bestandteil einer modernen und patientenorientierten Diabetologie sein können. Jährliche Updates zeigen auf, welche Ansätze sich durchgesetzt haben und geben Anregungen für die tägliche Praxis.

Big Data und Künstliche Intelligenz

„Big Data ist ein wirklich großes Thema für unsere Gesellschaft, aber auch ein großes Thema für die Diabetologie“, erklärt Bernhard Kulzer. Konkrete Beispiele für den Einsatz in der Diabetologie gebe es bei der Retinopathie-Diagnostik, die mittlerweile über sehr gute Analysesysteme mit Künstlicher Intelligenz verfüge. „Die Forschung wird sich durch die Möglichkeit, auf riesige Datensätze zugreifen zu können und diese analysieren zu können, sehr stark verändern“, so Kulzer.

Diabetesschulung mit digitaler Unterstützung

Auch im Bereich der Schulung wird die Digitalisierung Einzug halten, betont Mühlen. Die zentrale Gruppenschulung wird in Zukunft durch digitale Komponenten ergänzt, die eine bessere Umsetzung der Schulung in den Alltag ermöglichen. Besonders bei Maßnahmen zur langfristigen Lebensstilmodifikation können Apps oder Methoden des Online-sehr hilfreich sein: „Die Digitalisierung kann uns dabei unterstützen, langfristige Schulungserfolge zu erzielen“, ist sich Mühlen sicher.

Digitale Prävention des Typ-2-Diabetes

2040 wird es Prognosen des Robert Koch Institutes zufolge in Deutschland 12 Millionen Menschen mit Diabetes geben (1). Um diesen Trend zumindest abmildern zu können, steht die Prävention des Typ-2-Diabetes vor großen Herausforderungen. Digitale Angebote können hier viel bewirken: Zum Beispiel Apps, die Vitalparameter aufzeichnen und individuelle Vorschläge zur Verhaltensänderung machen.

Für Dr. Jens Kröger, Diabetologe aus Hamburg, ist die Apple Watch dafür ein gutes Beispiel. Immer wenn man beispielsweise eine bestimmte Schrittzahl am Tag geschafft habe, bekomme man motivierende Botschaften. „Das ist etwas, was Menschen in der Prävention sinnvoll unterstützen und begleiten kann“, sagt Kröger. „Wir wollen Patienten, Ärzte und Diabetesteams dazu ermutigen, sinnvolle digitale Tools einzusetzen.“

Selbsthilfe in der Community

Dass Social Media und die Online-Community enorm an Bedeutung gewonnen haben, betont Bloggerin Lisa Schütte, die selbst seit fast 20 Jahren mit Diabetes-Typ-1 lebt. Durch die Online-Community habe sie gelernt, den Diabetes noch einmal ganz anders zu akzeptieren: „Ich habe gesehen, dass da draußen ganz viele Menschen sind, denen es genauso geht wie mir. Auch bekommt man jederzeit Hilfe zum Beispiel bei alltäglichen Problemen, wie: Wohin mache ich meine Pumpe beim Schwimmen? Oder beim Tanzen?“ (Ein Beispiel für eine ärztliche begleitete Online-Community ist die Blood Sugar Lounge.)

Die Digitalisierung würde die klassische Selbsthilfe insgesamt moderner und jünger machen. Persönliche Treffen seien zwar nach wie vor wichtig, aber der Austausch unter den Betroffenen werde sich in großen Teilen im Netz abspielen, so Schütte, da hier Informationen unabhängig von Zeit und Raum schnell verfügbar seien.

Zukunftsboard Digitalisierung will Debatte anstoßen

Das Zukunftsboard Digitalisierung will mit seiner Arbeit einen Beitrag zu der Debatte liefern, welche digitalen Anwendungen und neuen Technologien tatsächlich die Versorgung von Menschen mit Diabetes verbessern und welche Rahmenbedingungen hierfür verändert werden müssen. Hierzu hat das zd verschiedene Projekte gestartet.

bytes4diabetes-Award 2020: zd und die BERLIN-CHEMIE AG suchen kreative digitale Lösungen

Ein zentrales Anliegen des zd ist es, praxisrelevante Lösungen für ein digitales und technologieunterstütztes Diabetesmanagement zu fördern. Deshalb schreibt es gemeinsam mit der BERLIN-CHEMIE AG den bytes4diabetes-Award aus. Der Preis, der mit 25.000 Euro dotiert ist und 2020 erstmals vergeben wird, soll Forschern und kreativen Köpfen aus allen Bereichen des Gesundheitswesens eine Bühne bieten, ihre Projekte vorzustellen.

Bewerben können sich Einzelpersonen, Gruppen und Organisationen – beispielsweise Universitäten, Forschungseinrichtungen, Verbände, Krankenhäuser, Unternehmen oder Start-ups. Weitere Informationen unter: www.bytes4diabetes-Award.de


Literatur/Quellen
Online Pressekonferenz Zukunftsboard Digitalisierung, 17. April 2019, 15.30-17.00 Uhr www.zukunftsboard-digitalisierung
(1) Tönnies, T. , Röckl, S. , Hoyer, A. , Heidemann, C. , Baumert, J. , Du, Y. , Scheidt‐Nave, C. and Brinks, R. (2019), Projected number of people with diagnosed Type 2 diabetes in Germany in 2040. Diabet. Med.
(2) Kulzer B., Heinemann L. (Hrsg). D.U.T – Digitalisierungs- und Technologiereport Diabetes 2019, 1. Auflage 2019. Verlag Kirchheim, Mainz 2019.

Quelle: Berlin-Chemie AG