Fast naturgemäß ist die „Datenkrankheit Diabtes“ dabei, wenn jetzt die „Zukunftsregion Digitale Gesundheit“ in Berlin startet und digitale Gesundheitslösungen zum Selbstmanagement chronischer Erkrankungen in der Praxisanwendung testet.

Seit dem 1. Juli läuft ein erstes Teilprojekt der „Zukunftsregion Digitale Gesundheit“ mit Diabetes als einer von zwei Indikationen. Die Zukunftsregion Digitale Gesundheit ist eine bis Ende 2022 angelegte Initiative des Bundesgesundheitsministeriums (BMG). Sie verfolgt das Ziel, digitale Lösungen in der Testregion Berlin in eine stärkere Praxisanwendung zu bringen und Erkenntnisse über deren Einsatz im deutschen Gesundheitswesen zu gewinnen, um langfristig die Akzeptanz in der Praxis zu erhöhen und die Verbreitung der Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen zu beschleunigen.

Im aktuellen Verfahren werden digitale Versorgungsangebote („Divas“) getestet, die Patienten beim Selbstmanagement ihrer chronischen Erkrankung unterstützen. Es handelt es sich um CE-zertifizierte, digitale Medizinprodukte für Diabetes oder chronische Schmerzen wie Migräne und Kopfschmerz. Die Testung dieser Anwendungen im Praxisalltag ist jeweils für ein Jahr angelegt.

Ascensia, Roche und Sinovo dabei

Im ersten Auswahlverfahren wurden die digitalen Versorgungsangebote – Apps für Smartphones oder Webanwendungen – über ein wettbewerbliches Vergabeverfahren gewonnen. Für den Bereich Diabetes wurden drei Angebote ausgesucht, die Anbieter sind Ascensia, Roche und Sinovo.

Vom Medizinsoftware-Hersteller Sinovo wurde Sidiary ausgewählt. Sidiary bildet den gesamten Behandlungsprozess zwischen Patienten und Praxisteam ab. Die Besonderheit ist nach Angaben des Unternehmens, dass es Patienten beim Selbstmanagement von Dia­betes und zusätzlich das Praxisteam bei der Behandlung unterstützt.

„Es ist für ein mittelständisches Unternehmen wie Sinovo eine besondere Auszeichnung, dass wir gemeinsam mit globalen Unternehmen wie ­Roche und Ascensia das Ministerium mit unserem Sidiary bei seiner Initiative zur Testung von digitalen Anwendungen unterstützen können“, erklärte Jan Filip, Geschäftsführer von Sinovo, in einer Stellungnahme Mitte Juni. „Aus diesem Anlass haben wir unsere Software in den letzten Wochen grundlegend weiterentwickelt. Einerseits haben wir die Handhabung für Patienten und Ärzte optimiert. Anderseits wurden die regelmäßigen Befragungen für die Feedbacks so einprogrammiert, dass die Beantwortung besonders leichtfällt“, berichtete er.

Digitale Anwendungen wie Apps entwickeln sich schnell weiter. Dabei ist es nach Meinung von Sinovo besonders wichtig, den positiven Nutzen von Apps durch längerfristige Studien und Untersuchungen nachzuweisen, um mehr Akzeptanz bei den Anwendern zu erreichen. „Wir sind alle sehr gespannt, welche Erkenntnisse die länger angelegte Initiative des BMG bringt. Wir sind zuversichtlich, dass Sidiary von Patienten und Ärzten gut angenommen wird, weil es die Diabetestherapie umfassend für beide Seiten unterstützt“, zeigte Filip sich überzeugt.

Das 2005 von Filip und Alf Windhorst gegründete Unternehmen Sinovo hat unter anderem in Kooperationen mit dem Team von Prof. Dr. med. Bernhard Teupe eine Therapie-App für Typ-1-Diabetiker entwickelt, die nach Angaben des Unternehmens auf anonymisierten Datensätzen von mehr als 15.000 Probanden basiert.

Ascensia Diabetes Care Deutschland stellt als Partner des aktuellen Pilotprojektes nach eigenen Angaben mindestens 1.000 potenziellen Testpatienten die Contour-Dia­betes-App zur Verfügung. Mit der App sieht sich das Unternehmen unter den Vorreitern im Bereich des digitalen Selbstmanagements bei Diabetes. In Verbindung mit den Contour®Next-Blutzuckermesssystemen lassen sich mit der App Blutzuckerwerte digital erfassen, kontrollieren und dokumentieren.

Zu jedem Messwert können individuelle Informationen wie sportliche Aktivitäten, Medikamente oder Mahlzeiten hinzugefügt werden. So soll ein aussagekräftiges digitales Blutzuckertagebuch entstehen, das entweder ausgedruckt oder per E-Mail direkt an den Arzt versendet werden kann. Analog zum Messgerät nutzt die Smartphone-App einfach verständliche Zielbereichsfarben, um auf kritische Messwerte hinzuweisen, und gibt hilfreiche Handlungsempfehlungen zur Stabilisierung des Blutzuckerspiegels.

Die App erkennt darüber hinaus wiederkehrende Muster im Blutzuckerverlauf, erläutert mögliche Ursachen und hilft dem Patienten so, individuelle Zusammenhänge zu verstehen. „Die Teilnahme am ZDG-Pilotprojekt des Bundesministeriums für Gesundheit ist eine einmalige Chance, die digitale Zukunft im Gesundheitswesen mitzugestalten“, erklärte Michael Engels, Geschäftsführer bei Ascensia Diabetes Care Deutschland, Mitte Juni. „Wir sind stolz, Partner des BMG zu sein und im Rahmen dieses Projektes wertvolle Erkenntnisse darüber zu erhalten, wie wir die Potenziale der Digitalisierung zum Wohle der Patienten nutzen können.“

Anforderungen an teilnehmende Ärzte

Während die Auswahl der digitalen Versorgungsangebote für das erste Teilprojekt abgeschlossen ist, werden an einer Teilnahme inte­ressierte Ärzte weiter gesucht. Für das aktuelle Auswahlverfahren im Bereich Diabetes können ambulant tätige Ärzte mit Sitz in Berlin der Fachrichtungen Allgemeinmedizin oder Innere Medizin teilnehmen, die Patienten mit Diabetes behandeln. Der Beitritt für das aktuelle Auswahlverfahren ist bis zum 31. März 2021 möglich.

Im Praxisalltag läuft die Testung laut ZDG-Geschäftsstelle so ab, dass teilnehmende Ärzte geeignete Patienten für die durch die ZDG zur Verfügung gestellten digitalen Versorgungsangebote auswählen und sie zur sachgemäßen Anwendung beraten. Die Ärzte können aus den drei digitalen Anwendungen auswählen und die App oder Software aktiv in den Behandlungsalltag integrieren. Sie holen regelmäßig Feedback zur Nutzung der digitalen Anwendungen von den Patienten ein und beziehen diese Erkenntnisse in die Behandlung ein.

Während der Laufzeit des Teilprojektes bis Juni 2021 geben sowohl die Ärzte als auch die Patienten dem Bundesgesundheitsministerium regelmäßig in einer kurzen digitalen Umfrage Feedback und berichten über ihre Erfahrungen im Praxisalltag. So sollen Erfolgsfaktoren und Hürden sowie Verbesserungsansätze zur Erhöhung von Akzeptanz und Nutzung digitaler Lösungen gesammelt und evaluiert werden. In einer Schulungsveranstaltung, an der die Ärzte zu Beginn teilnehmen, erfahren sie alles zu den digitalen Anwendungen, den Funktionalitäten und Vorteilen im Praxis- und Behandlungsablauf.

Diese Schulungen sind am 24. Juni gestartet und werden mehrmals in den kommenden Monaten angeboten. Für all diese Leistungen erhalten die teilnehmenden Ärzte eine Aufwandsentschädigung. Die Nutzung der digitalen Anwendungen ist während der Testphase des Teilprojektes für Patienten und ­Ärzte kostenfrei.

Da die ZDG den Charakter einer Testregion haben soll, ist eine bundesweite Ausweitung nach Angaben der ZDG-Geschäftsstelle zunächst nicht geplant. Gegebenenfalls wird die Zukunftsregion im weiteren Projektverlauf um eine noch zu bestimmende ländliche Region Brandenburgs als Ergänzung zur Metropole Berlin erweitert.



Autor: Marcus Sefrin
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Erschienen in: DiabetesNews, 2020; 19 (4) Seite 4