Zaharia OP, Strassburger K, Strom A, Bönhof GJ, Karusheva Y et al. for the GDS Group, Düsseldorf; Lancet Diabetes Endocrinol 2019 July 22: S2213-8587(19)30187-1 [Epub ahead of print]

Fragestellung: Clusteranalysen (auch Ballungsanalysen genannt) haben verschiedene Diabetes-Phänotypen mit Hilfe von Lebensalter, BMI, Glykämie, Schätzungen des Homöostasemodells und Inselantikörpern herausgearbeitet. Es wurde deshalb getestet, ob eine umfangreiche Phänotypisierung diese Cluster bei Diagnose validiert und besser charakterisiert und ob sich relevante diabetesbezogene Komplikationen zwischen diesen Clustern bei einem 5-Jahres-Follow-up unterscheiden.

Methodik: Patienten mit einem neudiagnostizierten Typ-1- oder Typ-2-Diabetes in der Deutschen Diabetes-Studie unterzogen sich einer umfangreichen Phänotypisierung und Labor­untersuchungen. Die Insulin-Sensitivität wurde mit einem hyperinsulinämisch-euglykämischen Clamp, der hepatozelluläre Fettgehalt mit Magnetresonanz-Spektroskopie, die Leberfibrose mit nicht invasiven Scores und die periphere und autonome Neuropathie mit funktionellen und klinischen Kriterien erfasst. Die Patienten wurden nach 5 Jahren nachuntersucht. Die Deutsche Diabetes-Studie ist unter der Nummer NCT01055093 registriert und wird fortgeführt.

Ergebnisse: 1 105 Patienten wurden bei Studienbeginn in 5 Cluster eingeteilt, davon 386 (35 %) auf einen milden Altersdiabetes (MARD), 323 (29 %) auf einen milden Adipositas-bezogenen Diabetes (MOD), 247 (22 %) auf einen schweren autoimmunen Diabetes (SAID), 121 (11 %) auf einen schweren Insulin-resistenten Diabetes (SIRD) und 28 (3 %) auf einen schweren Insulinmangel-Diabetes (SIDD). Beim 5-Jahres-Follow-up wurden 367 Patienten nachuntersucht. 128 (35  %) mit MARD, 106 (29 %) mit MOD, 88 (24 %) mit SAID, 35 (10 %) mit SIRD und 10 (3 %) mit SIDD. Die Ganzkörper-Insulinsensitivität war am niedrigsten bei den Patieten mit SIRD bei Studienbeginn (im Mittel 4,3 mg/kg/min [SD 2,0]), verglichen mit denen mit SAID (8,4 mg/kg/min [3,2]; p < 0,0001), MARD (7,5 mg/kg/min [2,5]; p < 0,0001), MOD (6,6 mg/kg/min [2,6]; p = 0,0011) und SIDD (5,5 mg/kg/min [2,4]; p = 0,0035). Der im Nüchternzustand gemessene Fettgewebs-Insulinresistenz-Index war am höchsten bei Patienten mit SIRD (median 15,6 [IQR 9,3 – 20,9]) und MOD (11,6 [7,4 – 17,9]), verglichen mit denen mit MARD (6,0 [3,9 – 10,3]; beide p < 0,0001) und SAID (6,0 [3,0 – 9,5]; beide p < 0,0001). Bei Patienten mit neu dia­gnos­tiziertem Diabetes war der Fettgehalt der Leber am höchsten bei Patienten im SIRD-Cluster (median 19 % [IQR 11 – 22]), verglichen mit allen anderen Clustern (7 % [2 – 15] für MOD, p = 0,00052; 5 % [2 – 11] für MARD, p < 0,0001; 2 % [0 – 13] für SIDD, p = 0,0083; 1 % [0 – 3] für SAID, p < 0,0001) selbst nach Adjustierung der Medikamente bei Studienbeginn. Entsprechend war die hepatische Fibrose bei der 5-jährigen Nachuntersuchung häufiger bei Patienten mit SIRD (n = 7 [26 %]) als bei Patienten mit SAID (n = 5 [7 %], p = 0,0011), MARD (n = 12 [12 %], p = 0,012), MOD (n = 13 [15 %], p = 0,050), und SIDD (n = 0 [0 %], p-Wert nicht durchführbar). Eine bestätigte diabetische sensomotorische Polyneuropathie war zu Beginn häufiger bei Patienten mit SIDD (n = 9 [36 %]), verglichen mit Patienten mit SAID (n = 10 [5 %], p < 0,0001), MARD (n = 39 [15 %], p = 0,00066), MOD (n = 26 [11 %], p < 0,0001) und SIRD (n = 10 [17 %], p < 0,0001).

Schlussfolgerung: Clusteranalysen können Kohorten mit unterschiedlichem Ausmaß von Ganzkörper- und Fettgewebs-Insulinresistenz charakterisieren. Spezifische Diabetes-Cluster zeigen eine unterschiedliche Häufigkeit von Diabetes-Komplikationen in einem frühen Stadium von nicht alkoholischer Fettleber-Erkrankung und diabetischer Polyneuropathie. Diese Befunde können eine gezielte Prävention und Behandlung verbessern und eine Präzisionsmedizin für Diabetes und seine Komorbiditäten ermöglichen.

Finanzielle Unterstützung: Deutsches Diabetes-Zentrum, Deutsches Bundesgesundheitsministerium, Ministerium für Kultur und Wissenschaft in Nordrhein-Westfalen, Bundesministerium für Bildung und Forschung, Deutsche Dia­betes Gesellschaft, Deutsches Zentrum für Diabetesforschung, Sonderforschungsbereich 1116 der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Schmutzler Stiftung.

Kommentar: Die etwas großspurig deklarierte „Deutsche Dia­betes-Studie“ konnte trotz massiver finanzieller Unterstützung nach 5 Jahren lediglich ein Drittel der Patienten nachuntersuchen. Die Aussagekraft der Ergebnisse erscheint dadurch stark eingeschränkt. Auch dürfte für den praktischen Arzt, der die Mehrzahl der von Typ-2-Diabetes Betroffenen behandelt, eine Clustereinteilung nicht viel mehr bringen als die bisherige prognostische Einschätzung seiner Diabetes-Patienten bei Vorliegen von Adipositas, Fettleber, Hyperglyk­ämie und Insulindosis.



Autor: Prof. Dr. med. Hans Uwe Janka
Arcisstr. 61
80801 München

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2019; 19 (4) Seite 50