Haaron NN, Austin PC, Shah BR, Wu J, Gill SS, Booth GL; Kingston, Kanada

Fragestellung: Es sollte geprüft werden, ob eine Diabetesmanifestation in höherem Lebensalter ein Risikofaktor für Demenz ist.

Studiendesign und Methodik: Es wurde eine populationsbasierte gematchte Kohortenstudie auf der Grundlage von Gesundheitsregisterdaten aus der Region Ontario, Kanada, durchgeführt. Senioren mit (n = 225 045) und ohne neu entdeckten Diabetes (n = 668 070) zwischen April 1995 und März 2007 wurden nachbeobachtet bis März 2012 im Hinblick auf eine neu diagnostizierte Demenz. Die Cox-Regression wurde eingesetzt, um das Demenzrisiko zwischen den Gruppen zu vergleichen nach Adjustierung für kardiovaskuläre Erkrankungen zu Beginn, chronische Nierenerkrankung (CKD), Hypertonie und andere Risikofaktoren.

Resultate: Während dieser Periode wurden 169 114 Fälle von Demenz diagnostiziert. Patienten mit Diabetes zeigten eine leicht erhöhte Demenzinzidenz (2,68 vs. 2,62 pro 100 Personenjahre) als solche ohne Diabetes. Im voll adjustierten Cox-Modell war das Demenzrisiko um 16 % höher in der Subgruppe mit Diabetes (HR 1,16 [95 % CI 1,15 – 1,18]). Adjustierte HRs für Demenz waren 1,20 (95 % CI 1,17 – 1,22) und 1,14 (95 % CI 1,12 – 1,16) bei Männern respektive Frauen. Unter den Senioren mit Diabetes war das Demenzrisiko am höchsten bei jenen mit bekannter kardiovaskulärer Erkrankung (HR 2,03; 95 % CI 1,88 – 2,19), mit peripherer arterieller Verschlusskrankheit (HR 1,47; 95 % CI 1,19 – 1,82), mit CKD (HR 1,44; 95 % CI 1,38 – 1,51) und denen mit einer oder mehreren Hospitalisierungen wegen Hypoglykämie (HR 1,73; 95 % CI 1,62 – 1,84).

Schlußfolgerung: In dieser populationsbasierten Studie war ein neu entdeckter Diabetes mit einem 16%igen Anstieg des Demenzrisikos bei Senioren verbunden. Vorbestehende vaskuläre Erkrankungen und schwere Hypoglykämien waren die bedeutendsten Risikofaktoren für eine Demenz bei Senioren mit Diabetes.

Kommentar: Die Demenzprävalenz steigt mit dem Lebensalter, besonders bei Männern, und ist bei Menschen mit Diabetes 1,5- bis 2-Mal höher als bei Stoffwechselgesunden. Im Vordergrund steht die vaskuläre Demenz als Folge der diabetischen mikro- und makrovaskulären Komplikationen. Beobachtet wurde einerseits ein gesteigertes Demenzrisiko bei wiederholten schweren Hypoglykämien, andererseits entwickelten Menschen mit Diabetes und Demenz mehr schwer verlaufende Hypoglykämien. Demenz und Hypoglykämien bei Diabetes scheinen sich gegenseitig zu bedingen. Diese kanadische Studie scheint der Antwort auf die Frage – was ist Henne, was ist Ei – näher zu kommen.



Autor: Priv.-Doz. Dr. med. Kornelia Konz
Ärztin für Innere Medizin, Endokrinologie, Diabetologie Ernährungsmedizin
DKD HELIOS Klinik
Aukammallee 33
65191 Wiesbaden

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2016; 16 (1) Seite xx-xx