Eriksson AK, van den Donk M, Hilding A, Ostenson CG; Stockholm, Schweden

Einführung:

Der Einfluss von beruflichem Stress auf das Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, wurde prospektiv untersucht.

Methodik:

Die populationsbasierte Kohorte dieser Studie schloss 3 205 Frauen und 2 227 Männer im Alter zwischen 35 und 56 Jahren ein. Die Teilnehmer wiesen bei Studieneintritt eine normale Glukosetoleranz im oralen Glukosetoleranztest (OGTT) auf. Bei der Folgeuntersuchung nach 8 bis 10 Jahren hatte sich bei 60 Frauen und 111 Männern ein Typ-2-Diabetes manifestiert. Über einen strukturierten Fragebogen wurden berufliche Stressoren erfasst (u. a. Anforderungen, Entscheidungsspielraum, Arbeitsbelastung, Schichtarbeit, Überstunden und auch das Kohärenzgefühl) und in Beziehung zum Auftreten eines Typ-2-Diabetes untersucht. Die relativen Wahrscheinlichkeiten (Odds Ratios; ORs) und 95-%-Konfidenzintervalle wurden nach Adjustierung hinsichtlich Alter, Bildungsabschluss, BMI, Rauchen, familiärer Diabetesbelastung und psychischem Stress berechnet.

Ergebnisse:

Bei Frauen war nach Adjustierung hinsichtlich aller möglichen Einflussfaktoren allein ein geringer Entscheidungsspielraum mit einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes assoziiert (OR 2,4 [95 % CI 1,1 – 5,2]) und auch in Kombination mit hohen Anforderungen, d. h. hoher Arbeitsbelastung (OR 4,2 [2,0 – 8,7]). Ebenso erhöhte Schichtarbeit das Risiko für Typ-2-Diabetes bei Frauen (OR 2,2 [1,0 – 4,7]), nachdem die Daten hinsichtlich Alter, Bildungsabschluss und psychischem Stress adjustiert worden waren. Das Ergebnis wurde jedoch etwas abgeschwächt, nachdem die Daten multifaktoriell adjustiert worden waren (OR 1,9 [0,8 – 4,4]). Bei Männern reduzierte sich das Risiko für Typ-2-Diabetes bei hohen Arbeitsanforderungen und Arbeitsbelastungen (jeweils OR 0,5 [0,3 – 0,9]) und bei einer aktiven beruflichen Tätigkeit (hohe Anforderungen und großer Entscheidungsspielraum) (OR 0,4 [0,2 – 0,9]).

Schlussfolgerung:

Beruflicher Stress und Schichtarbeit scheinen zur Entwicklung eines Typ-2-Diabetes bei Frauen beizutragen. Bei Männern reduziert sich das Risiko durch hohe Arbeitsanforderungen, Belastungen und eine aktive Tätigkeit.

Kommentar:

Wie schon in anderen sozialwissenschaftlichen Studien zeigt sich auch hier, dass eine hohe berufliche Belastung per se nicht zu einem erhöhten Krankheitsrisiko beiträgt. Vielmehr scheint dabei der Faktor "Kontrolle" über die beruflichen Abläufe bedeutsam zu sein, d. h. inwieweit eine Person die eigene Tätigkeit selbst "sinnvoll" gestalten kann. Weiterhin bleibt bei den besonders hohen Risiken der Frauen zu fragen, ob dabei allein die berufliche Belastung relevant ist oder ob diese zusätzlich zu Anforderungen im Haushalt und bei der Kinderbetreuung/Pflege älterer Familienangehöriger zu betrachten ist.


Autor:


Prof. Dr. rer. nat. Karin Lange, Hannover

Diplom-Psychologin,
Fachpsychologin Diabetes DDG
Medizinische Hochschule Hannover (MHH)
Carl-Neuberg-Str. 1
30625 Hannover


Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2013; 13 (3) Seite 53-54