Beim Thema Digitalisierung gab und gibt es unter Allgemeinärzten große Vorbehalte, sei es wegen technischer Probleme, den Kosten, auf denen die Ärzte womöglich sitzen bleiben, oder wegen des Schutzes von Patientendaten. Zumindest in einem Bereich hat aber wohl ein Umdenken begonnen: bei der Videosprechstunde. Der hat die Corona-Pandemie anscheinend einen deutlichen Schub verliehen.

Dass die Videokonsultationen deutlich an Zuspruch gewonnen haben, darauf deuten gleich mehrere aktuelle Analysen hin. Beispiel Thüringen: Dort verfügten Ende des Jahres 2019 gerade einmal 24 KV-Mitglieder über eine Genehmigung zur Videosprechstunde. Ende des ersten Halbjahres 2020 sind es nun schon 548. Das sind zwar immer noch nur 13 % aller Thüringer Vertragsärzte, aber der Trend ist doch bemerkenswert. Und auch die Abrechnungszahlen für das 1. Quartal 2020 belegen den Aufschwung für die Videosprechstunde. Von 120 Ende 2019 wuchsen sie auf mehr als 3.400 für den Zeitraum von Januar bis Ende März 2020. Tatsächlich sind es wohl überwiegend die Hausärzte und Psychotherapeuten in Thüringen, die immer mehr Gefallen an der Videosprechstunde gefunden haben.

88.000-mal Sprechstunde per Video

Für den Aufschwung der Videosprechstunde spricht auch eine bundesweite Analyse des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi). Darin ist aus den Abrechnungsfrühinformationen von 14 der 17 Kassenärztlichen Vereinigungen zu erkennen, dass im Zeitraum vom 4. bis 31. März 2020 insgesamt rund 500.000 telefonische Beratungen mehr abgerechnet wurden als im Vorjahreszeitraum. Das war der Beginn der Kontakteinschränkungen, die dazu geführt hatten, dass Patienten eher zu Hause geblieben sind, statt die Arztpraxen aufzusuchen. Zwar machen die telefonischen Beratungen den Großteil der Telekonsultationen aus, aber auch bei den Videosprechstunden zeigt sich im Laufe des März 2020 ein rasanter Zuwachs – von 1.000 zu Anfang März auf 88.000 Ende März.

25.000 Ärzte sind dabei

Auch das Online-Arztportal Zava, hierzulande früher bekannt als DrEd, hat sich aus vermutlich nicht ganz uneigennützigen Motiven mit der Digitalisierung der Arztpraxen in Deutschland beschäftigt. In einem aktuellen Telemedizin-Report stellt Zava jedenfalls fest, dass die digitale Transformation des deutschen Gesundheitssystems kontinuierlich voranschreite und im Zuge der COVID-19-Pandemie einen signifikanten Aufschwung erfahren habe. Konkrete Zahlen werden auch genannt: Nutzten im Februar 2020 erst 1.700 Arztpraxen in Deutschland Videosprechstunden, stieg diese Zahl bis April auf 25.000 an. Das entspricht einem enormen Wachstum von 1.370 %.

Auch Patienten wollen Videosprechstunde

Bei vielen Ärzten scheint also – unter dem Druck der Pandemie – ein Umdenkprozess in Gang gekommen zu sein. Aber nicht nur bei ihnen. Auch unter den Patienten/Versicherten hat die Videokonsultation mehr Anhänger gefunden. Dafür spricht eine Analyse des Arzt-Patienten-Portals Jameda. Darin gibt jeder zweite Befragte an, dass er aufgrund der Corona-Pandemie momentan Arztbesuche vor Ort vermeidet. Jeder Fünfte hat bisher eine Videosprechstunde in Anspruch genommen. In einer vergleichbaren Studie aus dem Jahr 2019 hatte nur jeder zehnte Befragte angegeben, eine Videosprechstunde zu nutzen. Im Juli 2020 war es sogar schon jeder dritte Befragte, der sagte, dass er durch die Corona-Pandemie einen stärkeren Nutzen in Videosprechstunden erkenne. Hervorzuheben ist außerdem, dass die Patienten, die bereits vor der Corona-Pandemie eine Videosprechstunde besucht haben, weiterhin von der Möglichkeit des digitalen Arzt-Patienten-Kontakts überzeugt sind. 82 % dieser Patienten würden die Videosprechstunde auch künftig wieder in Anspruch nehmen.

Die Offenheit, eine Videosprechstunde mit ihrem Arzt zu führen, ist auch bei den Patienten gegeben, die bisher noch keine Erfahrung mit Videosprechstunden vorweisen: 58 % der Befragten, die noch keine Videosprechstunde besucht haben, geben an, dass sie gerne die Möglichkeit nutzen würden, einen Arzt per Videosprechstunde zu kontaktieren.

Zufriedenheit und Sicherheit sind für viele wichtige Vorteile einer Videosprechstunde. Diejenigen, die noch keine Videosprechstunde genutzt haben, sehen die Zeitersparnis und den Schutz vor Ansteckung als wesentliche Vorteile einer Videosprechstunde an. Selbst bei den 55- bis 66-Jährigen sind demnach 50 % der Ansicht, dass die Videosprechstunde gerade in Zeiten der Corona-Pandemie eine große Verbesserung der Gesundheitsversorgung darstellt.

Ärzte mit Video im Vorteil?

Laut der Jameda-Studie gibt nahezu jeder dritte Patient (28 %) an, sich eher für einen Arzt zu entscheiden, wenn dieser den Service einer Videosprechstunde anbietet. Die hohe Nachfrage nach und die Wiedernutzungsbereitschaft von Videosprechstunden würden bestätigen, dass telemedizinische Angebote nicht nur ein Trend sind, sondern sich dauerhaft etablieren werden. Ob das wirklich so sein wird, wird man wohl erst genauer wissen, wenn die Pandemie vorüber sein wird. Erst dann wird man wissen, ob nicht doch der persönliche Kontakt zwischen Arzt und Patient wesentlich für die medizinische Beurteilung einer gesundheitlichen Beschwerde bleibt.

Dr. Ingolf Dürr


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2020; 42 (15) Seite 28-29