Mit einer neuen Leitlinie will die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) dem Trend zur Über-, Unter- und Fehlversorgung im deutschen Gesundheitssystem einen Riegel vorschieben und so die Patientensicherheit fördern. Damit das aber auch gelingen kann, spricht sich die DEGAM für ein flächendeckendes hausärztliches Primärarztsystem aus.

Über- und Unterversorgung existieren in Deutschland oft nebeneinander, beklagte Prof. Dr. Martin Scherer, der Präsident der DEGAM, bei der Vorstellung der neuen Leitlinie der Fachgesellschaft. Er konstatierte: "Wir haben vom Falschen zu viel und vom Richtigen zu wenig." Konkret machte er dies am Beispiel der unspezifischen Kreuzschmerzen deutlich, wo viel zu viele Röntgenbilder angefertigt oder CTs und MRTs durchgeführt würden, aber zu wenige multimodale Therapien. Und auch im stationären Bereich hänge es mehr vom Wohnort ab als vom medizinischen Befund, ob die Gaumenmandeln, der Blinddarm oder die Prostata entfernt werden, so Scherer.

26 Empfehlungen

In Anbetracht dieser Fehlentwicklungen habe sich die DEGAM aufgerufen gefühlt, eine eigene Leitlinie zum Schutz vor Über- und Unterversorgung zu entwickeln, um so zu einer sichereren und menschenfreundlicheren Medizin beizutragen. Die Leitlinie soll dabei helfen, das eigene hausärztliche Handeln an relevanten Leistungen zu reflektieren und mit den Patienten darüber näher ins Gespräch zu kommen, so die DEGAM. Die Auswahl der 26 Empfehlungen in der neuen Leitlinie erfolgte dabei durch ein systematisches Priorisierungsverfahren in einem Panel von klinisch tätigen Allgemeinärzten. 21 Empfehlungen sind dabei relevant für den Schutz vor Überversorgung, 5 Empfehlungen richten sich gegen eine Unterversorgung.

Es fehlt an Steuerung

Aus Sicht eines Praktikers mit langjähriger Erfahrung in einer Landarztpraxis monierte Dr. Hans-Otto Wagner, einer der Autoren der Leitlinie, die fehlende Steuerung im deutschen Versorgungssystem. So würden neben- und nacheinander Untersuchungsergebnisse, Diagnosen, Rezepte, Empfehlungen, Überweisungen und Krankenhausbehandlungen "erzeugt". Verschiedene Fachärzte und Kliniken bestellten Patienten ohne Rücksprache mit dem Hausarzt immer wieder ein und selbst große Kliniken betrieben Direktakquise von Gesunden und Kranken, beklagte Wagner.

So erlebe er als betreuender Hausarzt zunehmend, wie z. B. Gelenkspiegelungen, Operationen, Bildgebung oder auch Krebstherapien durchgeführt werden, ohne dass die Patienten Gelegenheit hatten, Zielsetzung der Diagnostik und Therapie, die mögliche Verbesserung der Lebenserwartung und das Ausmaß unerwünschter Wirkungen zu erfahren, und auch ohne dass sie sich über den natürlichen Verlauf oder Nutzen und Risiko im Klaren waren.

Patienten wollen festen Ansprechpartner

Die Hausärzte, die diese Aufgabe eigentlich übernehmen könnten, seien hier immer weniger eingebunden. Und das, obwohl Patienten sich mehrheitlich einen festen Ansprechpartner wünschen würden und es zudem erwiesen sei, dass primärärztlich gut ausgebildete Hausärzte durch ein strukturiertes Arbeiten die Versorgung verbessern könnten. Hausärzte seien besser in der Lage, Über- und Unterversorgung sowie Morbidität und Mortalität zu verringern, als die spezialistische Medizin es durch immer kleinere technische Fortschritte je werde erreichen können.

Lob für die HzV

Für DEGAM-Präsident Scherer ergibt sich daraus klar, dass die Rolle des Hausarztes als erster Ansprechpartner im Gesundheitssystem gestärkt werden muss. Dazu benötige man ein flächendeckendes hausärztliches Primärarztsystem, in dem der Zugang zur nächsthöheren Versorgungsebene über den Hausarzt laufen müsse, der sich eng mit den Spezialisten abstimme. Auf diese Weise lasse sich eine unkoordinierte Inanspruchnahme des Systems vermeiden. Eine derartige Koordination sieht Scherer hierzulande bisher nur im Rahmen der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV) realisiert, die daher weiter ausgebaut werden sollte.



Autor:
Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2020; 42 (1) Seite 32-33