Als die 21-jährige Simone vor Jahren die Praxis aufsuchte, weil sie beim Reiten eine Kopfplatzwunde erlitten hatte, konnte ich nur staunen. Die reisefreudige, sportliche junge Frau war zum letzten und einzigen Mal im Säuglingsalter geimpft worden. Doch jetzt musste etwas passieren: zeitnah wegen der aktuellen Verletzung, mittelfristig wegen des zukünftigen Arbeitgebers, der ihre Beschäftigung als Kindergärtnerin vom Nachweis eines entsprechenden Impfschutzes abhängig machte.

Als bekennende Impfgegnerin mit einer veritablen Nadelphobie lehnte sie jedoch jede Form der Immunisierung empört ab. Mit pädagogisch-didaktischer Engelsgeduld konnte ich der jungen Dame schließlich den individuellen und solidarischen Mehrwert eines guten Impfschutzes erschließen. Nach einem halben Dutzend zusätzlicher Verhaltenstherapien war schließlich auch die Spritzenphobie so weit beherrschbar, dass ein erster Impfdurchlauf in Anwesenheit der Verhaltenstherapeutin gestartet werden konnte.

Es klappte und in der Folge wurde dann der gelbe Impfpass auf einen zeitgemäßen Stand gebracht. An dieser Stelle könnte man die kühne Hypothese äußern, dass der damalige Bekehrungsfeldzug dank der Coronapandemie heutzutage nicht mehr notwendig wäre. Warum? Weil Deutschland wieder die Schulbank drücken musste.

Die Pressekonferenzen von Lothar Wieler (Abbildung), dem Chef des RKI, gerieten zu einem Gesundheits-Telekolleg für die einträchtig vor dem Pantoffelkino versammelte Familie im tristen Hier des staatlich verordneten Hausarrests.

Die kollektiven TV-Vorlesungen in Mikrobiologie und Hygiene machten Spezialisten publik, die von den meisten Zusehern wahrscheinlich in dunklen Kellerlaboren vermutet worden waren. Die omnipräsenten Virologen und Epidemiologen haben zumindest in dieser medizinischen Episode den sonst so telegenen Chirurgen oder Gerichtsmedizinern den Rang glatt abgelaufen. Auch mathematisch Nullbegabte verstanden bald, was ein exponentieller Anstieg ist, und den meisten Bundesbürgern dürften Begriffe wie Reproduktionsrate, Herdenimmunität, aktive oder passive Immunisierung keine Unbekannten mehr sein.

Auch wenn Impfen wohl weiterhin kontrovers thematisiert wird, bleibt dem Coronavirus das Verdienst, Lern-, Denk- und Diskussionsanstöße quer durch alle Bevölkerungsschichten generiert zu haben.


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2020; 42 (12) Seite 67