Ferrannini E, Baldi S, Frascerra S, Astiarraga B, Barsotti S, Clerico A, Muscelli E, CNR Institute of Clinical Pathology, Pisa, Italien; Diabetes Care 2017; 40: 771 – 776

Fragestellung: Eine pharmakologisch induzierte Glukosurie ruft adaptive Reaktionen der Glukosehomöostase und Hormonsekretion hervor, die das Absinken der Plasmaglukose und der Insulinkonzentration, eine Zunahme der Glukagonsekretion, erhöhte Lipolyse und Stimulation der Ketogenese umfassen, und eine erhöhte Ketonämie verursachen. Es sollte die renale Antwort auf diese Veränderungen untersucht werden.

Studiendesign und Methoden: Es wurden im Nüchternzustand und postprandial die Urinexkretion von Glukose, ß-Hydroxybutyrat (ß-HB), Laktat und Natrium gemessen bei 66 Patienten mit Typ-2-Diabetes und normaler Nierenfunktion (geschätzte glomeruläre Filtrationsrate ≥ 60 ml x min­-­1 x 1,73 m-²) und bei Kontrollpersonen ohne Diabetes vor sowie nach Empagliflozintherapie.

Resultate: Bei chronischer (4 Wochen) Inhibition des Natrium-Glukose-Kotransporters 2 stieg die basale fraktionierte Glukoseexkretion (2 %) an auf 38 ± 12 % und 46 ± 11 % (nüchtern vs. postprandial, p < 0,0001) über einen BMI-Bereich (23 – 41 kg/m²) und einen Bereich der Kreatinin-Clearance (65 – 168 ml x min-1 x m-2). Die Exkretionen von ß-HB (median [Interquartilenbereich]: 0,08 [0,10] auf 0,31 [0,43] µmol x ­min­­-­­1), Laktat (0,06 [0,06] auf 0,28 [0,25] µmol x ­min­-1) und Natrium (0,27 [0,22] auf 0,36 [0,16] mEq x min-1) stiegen allesamt an (p < 0,001 für alle) und waren alle positiv assoziiert mit der Glukosurie (p ≤ 0,001). Diese Parameter veränderten sich gleichsinnig bei Personen ohne Diabetes, aber die Veränderungen waren geringer als bei Patienten mit Dia­betes. Obwohl das Plasma-N-terminale-pro-B-Typ-natriuretische Peptid unverändert blieb, stieg die Konzentration von Plasma-Erythropoietin um 30 (64)% an (p = 0,0078).

Schlußfolgerung: Es wurde gefolgert, dass der Natrium-Glukose-Kotransporter-2-Inhibitor-bedingte Anstieg von ß-HB nicht Ausdruck einer reduzierten renalen Clearance ist, sondern Folge einer Überproduktion. Die erhöhte Laktatexkretion trägt zu niedrigeren Plasma-Laktat-Konzentrationen bei, während die gesteigerte Natriurese eine Normalisierung des austauschbaren Natriumpools unterstützt. Zusammengefasst bewirkt der Glukoseverlust durch die kombinierte Inhibition der Glukose- und Natriumreabsorption im proximalen Tubulus zahlreiche Veränderungen des renalen Metabolismus.

Kommentar: Nach der Publikation der kardioprotektiven Effekte von Empagliflozin wird der Einsatz von Natrium-Glukose-Kotransporter-2-Inhibitoren bei den kardiovaskulär hochgradig gefährdeten Menschen mit Typ-2-Diabetes allgemein befürwortet. Überrascht hat die Entdeckung einer Ketoazidoseneigung einiger der mit dieser Substanz behandelten Patienten bei relativ niedrigen Blutzuckerkonzentrationen, deren Pathogenese bisher nicht endgültig geklärt ist. Diese Studienergebnisse tragen dazu bei, das erfreulicherweise seltene Phänomen und die Wirkung der Substanzen insgesamt besser zu verstehen.



Autor: Priv.-Doz. Dr. med. Kornelia Konz
Ärztin für Innere Medizin, Endokrinologie, Diabetologie Ernährungsmedizin
DKD HELIOS Klinik
Aukammallee 33
65191 Wiesbaden

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2017; 17 (3) Seite 45